Wir sind mit Spielen groß geworden. Jetzt werden unsere Kinder mit uns groß. Bleibt zwischen Windelwechseln, Krabbelgruppe und Breifütterung überhaupt Zeit zum Spielen? Was geben Games uns mit auf dem Weg mit Nachwuchs? Geben wir unsere Liebe zu virtuellen Welten weiter? Hier gibt es Monat für Monat eine Heldinnen-Reise von der Geburt bis zum ersten eigenen Griff zum Controller.

Das Telefon klingelt gegen fünf. Der letzte Fetzen Schlaf ist weg. Die Hebamme sagt: „Du kannst jetzt kommen. Es geht los.“ Mein Herz rast. Gleich wird alles anders sein. Wie anders? Wie soll ich das wissen, an diesem Januarmorgen vor beinahe vier Jahren. Wir warten seit Tagen auf diesen Tag. Den Tag, an dem wir zu dritt sein werden. Am Abend zuvor hat mich die Hebamme nach Hause geschickt – noch einmal schlafen. Vor der Haustüre nieselt es. Draußen ist es kalt und stockfinster. Das letzte bisschen Schnee ist zu kümmerlichem Matsch zerronnen. Die Fahrt zurück ins Krankenhaus, Dutzende mal geprobt, ein Tunnel.

Eigentlich war der Termin für Ende Dezember ausgerechnet, aber jetzt lernen wir die erste Lektion: Unser Ausrechnen, unser Planen, unser Organisieren – damit ist es jetzt erstmal vorbei. Ein Kind macht was es will, wann es will.

Wir haben während der Schwangerschaft unsere Freiheit bis an die Grenzen ausgeschöpft. Im Urlaub in Kopenhagen bei Videospiel-Friseur Bobby Arcade gespielt, nochmal in die Oper gegangen. Jede Woche waren wir einmal im Kino. Vielleicht in Ahnung dessen, was auf uns zukommt. Was wir uns da ausgesucht haben: Chaos. Als wir das letzte Mal ausgehen, schauen wir Anfang Dezember die Premiere von „Star Wars: Die letzten Jedi“. Wir sind nervös. Was, wenn es mitten im Film losgeht? Aber wir wollen sehen, wie endlich eine junge Frau ihren Platz im Zentrum des Universums einnimmt. So, wie bald ein Mädchen ihren Platz in unserem Leben. Im Film klappt das tadellos. Unser Mädchen lässt sich Zeit.

Weihnachtsgeschenke sind schon da, Kind noch nicht.

Weihnachten ist verstrichen, Silvester auch. Ihre Weihnachtsgeschenke liegen noch unter dem Baum. Wir haben zum ersten Mal einen gekauft. Das macht man ja jetzt so, mit Kind. Oder? Wir sind mittlerweile Dauergäste im Krankenhaus. Werte checken, Herztöne hören. Jeden Tag. Bis es soweit ist.

Spielkind

Ich habe vor ein paar Wochen aufgehört zu rauchen. Jetzt zittern meine Hände wieder neu. Teresa hatte mir gesagt, ich soll das doch bitte verschieben. Sie braucht mich ruhig. Was beruhigt mich? Eine Zigarette? Ein Controller in der Hand. Die Kontrolle behalten. Wenn alles um mich herum außer Kontrolle ist. Den kleinen Ritter auf dem Fernseher von links nach rechts bewegen. Mit seiner Schaufel kleine Monster zerhauen. Tief in der Erde graben, bis Juwelen und Diamanten heraus plumpsen. Hier hole ich Schätze aus der Dunkelheit. Nicht wie hier draußen im Analogen, wo ich nur Statist bin – daneben stehen kann.

Mit Shovel Knight grabe ich mich in den letzten Tagen vor Tag X zurück in meine eigene Kindheit. Ganz tief runter zu Tagen, die aus Malzbier bestanden, aus Sandwich aus dem Sandwich-Toaster und einem vergilbten Nintendo.

Ruhepausen wie im Spiel gibt es in echt eher selten. (Illustration: Pehesse)

Shovel Knight Action-Adventure

Plattformen
PC, PS4, Switch, Wii U, Xbox One
Release
26.06.2014
Entwickler
Yacht Club Games
Publisher
Yacht Club Games
USK
Links
yachtclubgames.com

Ende 2017 ist „Shovel Knight“ von Yacht Club Games schon ein paar Jahre veröffentlicht. Im Stil klassischer 8-Bit-Titel wie „Castlevania“ oder „Mega Man“ steuere ich den Schaufelschwingenden Ritter durch verschiedene Welten. Im Kampf gegen das Böse und auf der Suche nach Schätzen – und Partnerin Shield Knight. Das Spiel zielt mit der Nostalgie-Schrotflinte ungeniert auf Achtzigerjahrekinder. Doch der Retro-Plattformer trifft mich an diesem Punkt meines Lebens präzise mitten ins Herz.

Gleich die ersten Chiptunes des Soundtracks von Komponist Jake Kaufman bliepsen und piepen mich in eine Vergangenheit, in der alles um mich herum organisiert war. Eine sichere Basis, von der aus ich Abenteuer erleben konnte – digital und analog. Es blinkt und leuchtet in warmen Farben.

So warm es leuchtet, so warm ist dieses Spiel. Mit seinen NPCs wie dem singenden und tanzenden Riesenfisch, die mich mit ihrer Freundlichkeit umarmen. Das Spiel wiegt und schaukelt mich, bis ich wieder ruhig bin.

Christian Neeb

War früher Redakteur beim GEE Magazin, bei der Fernsehsendung Reload und beim Spiegel. Heute wechselt er Windeln, kocht Nudeln mit roter Soße, liest Geschichten vor und schreibt nebenbei als freier Autor.

New Game Plus

Als wir im Kreißsaal ankommen bliepst und piepst es. Das Licht ist kühl. Hier gibt es keine Kontrolle für mich. Das Tutorial namens Geburtsvorbereitungskurs hat mir Skills vermittelt, die hier kaum gefragt sind. Hilflos schlage ich die gelernten Positionen vor. Ärztinnen und Hebammen kommen und gehen. Während Teresa arbeitet, halte ich Hände, hole Getränke, Essen. Am späten Nachmittag ist endlich unser Kind bei uns. Das Adrenalin läuft langsam aus dem Körper, bis genug Platz ist für Wärme und Schwere und Glück.   

Zwei Tage später sind Mutter und Kind endlich zuhause. Während sich die beiden im Wochenbett ausruhen, loote ich die Drogerie, horte Windeln, Strampelanzüge und Thermometer – und koche warmen Kartoffelsalat nach dem Rezept von Oma.

Warmer Kartoffelsalat

750 Gramm Kartoffeln
100 Gramm Mettwurst
2 Zwiebeln
½ Liter Brühe
¼ Liter Milch
Speisestärke

Die Kartoffeln garen, heiß abpellen und in Scheiben schneiden. Zwiebeln, Mettwurst und Speck in Butter anschwitzen. Die Speisestärke zugeben und anbräunen. Mit der Flüssigkeit ablöschen. Mit Salz und Pfeffer würzen, Kartoffelscheiben dazu und alles eindicken.

Warmer Kartoffelsalat nach Omas Rezept.

Wir essen im Wohnzimmer. Auf dem Fernseher läuft ein Kaminfeuer-Stream, während unsere Tochter in ihrem Bettchen liegt. Das lässt sich auf Rollen durch die Wohnung schieben, sodass sie nie alleine ist. Alle paar Minuten steht einer von uns auf und geht zu ihr. Ist noch alles in Ordnung? Atmet sie gleichmäßig im Schlaf? Ist das normal, wenn sie so lange schläft? Was ist denn normal? Zum Glück kommt morgen früh wieder die Hebamme, der wir unsere ganzen Fragen stellen können. Wir notieren sie auf einem Notizblock, der immer auf dem Tisch liegt. Der Zettel wird voller und voller.

Ich bin Vater und Kind zugleich und danke dem Fortschritt für die Pausenfunktion

Schönstes Achievement unlocked.

Abends, wenn auch Teresa schläft, laufe ich durch die verbliebenen Level von „Shovel Knight“. Ich besiege Plague Knight, die Enchantress und loote geheime Verstecke, horte Smaragde, Rubine und Goldklumpen. Das Alte im Neuen ist mehr als Eskapismus. Ich bin Vater und Kind zugleich und danke dem Fortschritt für die Pausenfunktion, wenn ein weinendes Bündel Mensch geschaukelt und getragen werden möchte. Ob ich je wieder einen Raid in „Destiny“ spielen werde, ohne den Clan im Bossfight sitzen zu lassen, wenn ein sanftes Krähen aus dem Schlafzimmer tönt? Mich stundenlang in Sidequests mit dem „Witcher“ verliere? Vielleicht nicht, vielleicht werde ich anders spielen, Kurztrips antreten, statt digitaler Weltreisen. Doch so wie mich Videospiele mein Leben lang getragen haben, so werden sie es wohl auch jetzt – im nächsten Level.

27 Kommentare


Kommentare

  1. Wie viele Andere hier habe ich auch mit den Podcasts angefangen… aber es sind Artikel wie dieser, die WASTED für mich jetzt schon zu etwas ganz Besonderem machen. Eine wunderschöne Idee und als Text auch noch sehr unterhaltsam zu lesen. Ganz viel Liebe dafür. :hearts:

  2. Avatar for Fabu Fabu says:

    Ich kann mich @Skizzenbildner nur anschließen. Freue mich auf die Fortsetzung. <3

  3. Toller Artikel, in dem ich ganz viel von meinem eigenen Leben der vergangenen… naja mittlerweile sind es schon elf Jahre… wiedergefunden habe!

    Mittlerweile habe ich mir aber wieder einen Abend in der Woche erobert, in dem ich mal „länger“ Videogames zocken kann, also so vier bis fünf Stunden am Stück und natürlich erst, wenn die Kids im Bett sind :wink:

  4. Ja, wer kennt das nicht, wenn man dann selber Kinder hat. Und auch mit großen Kindern ist es eine Herausforderung, selber zu zocken. Dann hat man vielleicht abends wieder mehr Zeit, aber dann sind die Konsolen und Rechner von den Kindern besetzt!
    Ich wüßte momentan gar nicht, wie ich ein Spiel wie Grand Theft Auto V überhaupt noch durchspielen könnte, weil ich gar nicht so viel Zeit (am Stück) habe und versuche immer noch Spiele in meinem Stapel zu finden, die man mal für eine kurze Runde spielen kann.
    Aber das Spielen deswegen aufgeben? Niemals!

  5. Avatar for Bonito Bonito says:

    Toll, gerade wasted abonniert und da kommt auch schon dieses Thema daher, mit dem ich mich total angesprochen fühle. Ich hab damals, als mein jüngerer noch ganz klein war, immer Dark Souls II gezockt wenn er geschlafen hat. Das war noch mal der perfekte zusatzkick, wenn man den Boss beim dritten Anlauf nicht gelegt hatte und der kleine Murkel anfing aufzuwachen und man wusste, man hat jetzt dreißig Sekunden Zeit und dann ist wieder erstmal Windel wechseln angesagt. Good Times… Ich hab so ein ganzes Jahr für DS II gebraucht, weil so viel geschlafen hat er halt letztlich auch nicht. Aber schön wars… Viel Spaß mit deinem Kind und den wenigen kurzen Phasen wo man mal Zeit für sich hat. Gönn sie Dir, aber sei kein Ar***, wenn Du feststellst, dass Du einfach nicht mehr genug Zeit für alles hast. Das gehört dazu. Bin gespannt auf den nächsten Teil!

  6. Mich hat Mad Max auf der PS4 durch den KH Aufenthalt meiner Frau gebracht :see_no_evil::sweat_smile: Unser Sohn war deutlich über Termin und sie lag in einem KH, gefühlt irgendwo im Wald. Es gab glaube ich alle 2 Std ein Fenster wo ihrer WhatsApp-Nachrichten durch kamen. Ich kann mich auf jeden Fall an NIX von dem Spiel erinnern. Es war aber nicht wirklich richtig gute, glaube ich :see_no_evil::sweat_smile:

  7. Avatar for Frell Frell says:

    8 Monate sind es inzwischen, seit der Geburt und seit ich wirklich mal so richtig in einem Spiel versunken bin. Ich kann mein damaligen Kollegen, mit zwei Kindern, plötzlich verstehen, 2-3 Runden World of Tanks abends, zum runterkommen, das war sein Ding. Für mehr fehlte die Energie. Und für mich nun ein Déjà-vu: Open World = ein weiteres angespieltes Videospiel in dem ich vielleicht die ersten 10%-20% der Story sehe und welches dann einschläft.

    Schnell rein, schnell raus, ich kann nicht jedes Mal erst einmal wieder die Steuerung und tolle Kombos lernen. Ich vermisse das und erfreue mich zugleich enorm an meinem kleinen neuen Mitbewohner. Morgen gehts zum Babyplaydate, da kann er seine neuen Moves zeigen (seit seit heut kann er (fast) krabeln). Abends dann nach dem ins Bett bringen vielleicht noch ein kleiner Tycoon für mich zur Entspannung. Die ganzen Megabretter kann ich auch später noch spielen, wenn ich alt und gelangweilt bin.

  8. Sehr schöner Text und er spricht mir als frisch gebackener Vater (7 Monate ist der Kleine alt) aus der Seele.
    Ich kann Spiele, die einhändig zu bedienen sind sehr empfehlen. Monkey Island ist auch heute noch ein tolles Spiel :monkey: - keiner hat das je bezweifelt -

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