Big Ben Theory: Zeug des Jahres

Ben ist Lehrer. Bei WASTED darf er sich als Pausenaufsicht austoben. (Und als Autor.)

Von zwei Dingen haben wir alle sicherlich mehr als genug: USB-Ladekabel und Videospiele. Was wir aber nicht genug haben sind Jahresrückblicke. Darum hier ein weiterer Rückblick auf das Jahr 2021 für eure Sammlung. Ohne Micro-USB-Anschluss. Versprochen!

Bestes Halo

Auch wenn Halo Infinite das beste Halo seit Halo Reach sein dürfte und beiläufig zeigt, wie die Sache mit dem erzwungenen Waffenwechsel richtig gemacht wird (ja, Breath of the Wild, du bist gemeint)… es ist das inzwischen zwölfte Spiel der Reihe (ich musste nachzählen), das den Titel Halo komplett ignoriert.

Da stehst du auf der Innenseite einer ringförmigen Raumstation, siehst die Landmassen und Meere über dir und dann… nichts. Du knallst einfach nur Außerirdische in belanglosen Korridoren ab, wie in jedem anderen Videospiel auch (zugegeben, Halo knallt schon besonders gut).

Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass Halo zwar bekannt ist für seine Physik-Engine, die physikalische Realität seiner Spielwelt aber seit 2001 einfach ausblendet. Arthur C. Clarke, sozusagen der Erfinder außerirdischer Installationen im Science-Fiction-Roman, würde im Grabe rotieren. Oder nein, er würde vielleicht Outer Wilds: Echoes oft the Eye spielen.

Dort werden Halos Versäumnisse – und Clarkes Ideen von 1973 – zum Teil der Erzählung, die in Form einer abgeschlossenen, ringförmigen Raumstation im Hauptspiel von Outer Wilds Platz findet. Dass die Qualität von Echoes oft the Eye der von Outer Wilds in nichts nachsteht, ja, in manchen Aspekten übertrifft, sei nur am Rande erwähnt. Die Art und Weise, wie hier Themen nicht nur erzählt, sondern auch in Bild, Ton und in Spielmechanik umgesetzt werden, ist bei Videospielen leider immer noch die Ausnahme (das ändert sich sicherlich, wenn Videospiele erst mal in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind).

Kurzum: Das beste erzählende Computerspiel der letzten zehn Jahre ist einfach noch besser geworden. Spielt das! (Und ballert danach meinetwegen Außerirdische in Korridoren weg, Halo Infinite ist nämlich im Xbox Game Pass enthalten.)

Bester Abodienst

In den rund 15 Jahren des internetbasierten Musik- und Video-Streamings hat sich ein praktisches 3-Phasen-Modell etabliert, an dem sich jeder neue Dienst orientieren kann:

Phase 1: Holpriger Start
Phase 2: Fantastischer Aufstieg
Phase 3: Ankunft in der Belanglosigkeit

Während wir unseren Kindern vorschwärmen, wie prachtvoll Netflix‘ goldene Hallen dereinst vor dem Einzug des Trash-TVs aussahen, ist Microsofts Game Pass offenbar noch in Phase 2 seiner Entwicklung. Für den sprichwörtlichen Zehner im Monat bekommt man Forza Horizon 5… und auch noch ein paar andere Spiele.

Der geneigten Kulturgut-Advokatin läuft jetzt ein Schauer über den Rücken, wenn sich zu den „Hau-wech-den-Scheiß“-Bundles und dem Steam-Sale noch die Unverbindlichkeit eines Streaming-Dienstes gesellt. Videospiele als Unterhaltungsmedium, als schnödes Verbrauchsprodukt der Popkultur? Einmal spielen und dann nie weder anschauen? Ja bitte!

Schlechtester Abodienst

Normalerweise ein klares Heimspiel für Adobes Creative Cloud, aber es gibt ja jetzt Apple Arcade. LOL

Bestes Spiel mit Raumschiffen

Es gab einen Re-Release von Mass-Effect, oder? (Seit Januar im Xbox Game Pass.)

Spiel, das alle abgefeiert haben, aber eher so mittel ist

Metroid, Frontman des Erfolgsduos „Metroidvania“, hat nach zwölf Jahren ein neues Soloalbum vorgelegt. Während sich einstiger Weggefährte Castlevania weder für Best-Of-Compilations, Techno-Remixe noch für Crowdfunding zu schade war, blieb es lange Zeit ruhig um Metroid. Doch Fans und Kritik sind sich einig: Die Wartezeit hat sich gelohnt. Metroid: Dread ist so gut wie eh und je… und ich finde es vielleicht nur ganz okay.

Es liegt vermutlich gar nicht an Metroid, das seit 1986 die Rhythmen abliefert, die seine Fans so lieben. Es liegt vermutlich an mir und dem, was ich in der Zwischenzeit gespielt habe. Hollow Knight, Dead Cells, Ori und Blasphemous sind ästhetisch auf einem Level, gegen den Dreads Design an vielen Stellen geradezu plump wirkt. Das gilt insbesondere für die Story, die in einer Art und Weise vorgetragen wird, bei der mir die Musikvergleiche ausgehen. Apropos Musik. Nintendo kann inzwischen ja durchaus moderne Soundtracks produzieren, die mehr können als nur das „Kennste-Kennste?“-Gefühl der NES-Veteranen zu kitzeln. Metroid Dead tut das leider nicht.

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Was mich dagegen gefreut hat: Endlich mal wieder ein Spiel, dessen letzte Winkel man auch ohne Wiki, Walkthrough und Strategie-Videos ergründen kann. Die Karte im Spiel ist extrem hilfreich und wären da nicht diese irrsinnige Tastenbelegung, die einige Manöver extrem hakelig (bin ich jetzt Spieledjournalizt?) macht, wäre das Einsammeln aller Dinger sehr entspannt gewesen.

Bester Film ohne Hugh Grant

Ich vermute, Denis Villeneuve könnte durch reine Bildgewalt auch die Sesamstraße in ein brutales Gleichnis über das Wesen des Menschen verwandeln. Die bisher beste Dune-Verfilmung lässt allerdings die Frage offen, wie man jemals zwei oder drei Teile davon am Stück ertragen soll. (Und ja, Blade Runner 2045 war noch einen Ticken besser.)

Schlechteste Serie, die ich irgendwie immer noch weiter schaue

Star Trek: Discovery ist wie der sprichwörtliche Verkehrsunfall… in einem brennenden Raumschiff, das in ein schwarzes Loch stürzt.

Benjamin Filitz

Beherrscht das kleine Einmaleins und die Grundaufgaben. Ihm bekannte Rechtschreibstrategien wendet er zunehmend sicher an. Im Sachunterricht zeigt er sich kreativ und ideenreich. Seinen Arbeitsplatz räumt er noch nicht selbstständig auf.

Man kann sicher lange debattieren, wie man das hölzernen Star Trek der 1990er Jahre angemessen für ein modernes Serienpublikum aufbereiten kann. Das Problem an Discovery ist aber nur am Rande das Erbe von Star Trek oder seine Themen und Aktualisierungen, sondern die Anime-eske Erzählweise: Ähnlich wie Sherlock ist die Serie so dermaßen in seine unfehlbare Hauptfigur verliebt, dass jeder auch noch so kleine Handlungsstrang direkt zu Michael Burnham führen muss. Nie steht weniger auf dem Spiel, als die gesamte Menschheit/Galaxie/Zukunft und stets findet sich Burnham in der Rolle der Auserwählten, die jenes Schicksal abzuwenden weiß. Der enge Fokus auf eine einzelne Figur ist beinahe schon pornografisch zu nennen. Nur selten kommen die durchaus vorhandenen Nebencharaktere zum Schuss (Episoden, die aus Discoverys Effekt- und Emotionsgewitter oft positiv herausstechen).

Die Episode Stormy Weather bringt dies in ihrem Finale auf den Punkt: Alle Nebenfiguren werden aus dem Bild gebeamt und in den Transporterspeicher verbannt, um sich vor Hitze und Strahlung zu schützen. Nur Kapitänin Burnham hält allein auf der Brücke ihres brennenden Schiffes aus, den sicheren Tod vor Augen. Doch mit heroischer Pose erträgt sie die Schmerzen und nimmt sie sich auch noch die Zeit, um die Gefühle zu ihrem Schiffscomputer einmal grundsätzlich zu erforschen.

Beste Rakete

Biontech/Pfizer Comirnaty Booster-Impfung (wegen Boosterrakete, klaro). MRNA-Impfstoffe sind technologisch einfach nur der totale Wahnsinn. Willst du auch.

Bestes Technikdings

Ich habe ein etwas gemischtes Verhältnis zur Fotografie. Ich mache es sehr gerne, finde aber die meisten meiner Bilder schlecht. Einerseits mag ich das Herumfriemeln an Einstellungen, andererseits treiben mich 1.000 Optionen und verschachtelte Unter-unter-unter-Menüs in den Wahnsinn. Fujis Filmsimulationen lösen ersteres Problem und liefern zumindest immer geile Farben. Fujis Kameras lösen zweiteres Problem und holen wichtige Einstellungen auf satt klickende Drehräder und direkt ablesbare Schalter zurück.

Die Fujifilm X-T20 war meine liebste Kamera seit überhaupt und es war mehr als traurig, als diese im letzten Frühjahr die Arbeit verweigerte. Die Nachfolge hat die X-S10 angetreten und die Kamera ist schon gut – weiterhin tolle Farben, endlich ein Bildstabilisator, endlich bessere Videofunktionen, endlich ein umklappbarer Bildschirm und das ganze Klimbim. Aber in Fujis merkwürdigem Versuch, den YouTube-Vlogger-Markt anzusprechen, wurde leider die Bedienung komplett geändert. Die coolen Rädchen verhalten sich jetzt so, wie bei der Konkurrenz und nicht mehr wie bei einer analogen Kamera. Und obwohl ich mich an ein bis zwei coole Features sehr gewöhnt habe, werde ich nicht so ganz glücklich damit. Wenn wieder ein “klassisches” Modell kommt, das näher an der X-T20 liegt… hmm. Hier ein Bild, das ich nicht scheiße finde.

Am wenigsten nervigstes Stück Software

Uff. Die Zeit, dass ich “Lieblingssoftware” hatte, ist wohl vorbei. Vor zehn Jahren hätte ich von vielen kleinen und großen Programme schwärmen können, die Arbeit und Freizeit bereichern… inzwischen bin ich froh, wenn Software nicht unerträglich langsam ist, nicht browserbasiert (= Scheiße) ist, die Updates nicht alles kaputt machen und die Bezahlung nicht in unübersichtlichen Abo-Modelle versteckt ist ist. Eine gute Software, die ich seit 15 Jahren täglich genutzt habe, ist 2021 nun endgültig diesen Weg gegangen. “We care about our users and appreciate all feed…” ach fickt euch. Großen Unternehmen Software-Abos für mittelmäßige Apps aufzuschwatzen, bringt wohl einfach mehr Kohle, als keinen Usern alle zwei Jahre mal ein Update zu verkaufen. Seid doch wenigstens ehrlich.

Was hat mich in diesem Jahr am wenigsten genervt? Vielleicht Good Notes? Macht (weitestgehend) was es soll und die Synchronisation zwischen Mac und iPad ist in Ordnung. Die Konkurrenz ist vor einigen Wochen auf ein (sicherlich super-profitables) Abo-Modell gewechselt. Seufz.

Bester Emaildienst

Ich kenne inzwischen reichlich Leute, die allen Google-Produkten abgeschworen haben… aber weiterhin auf G-Mail festhängen. Dabei ist, im Gegensatz zur Suchmaschine, Maps und Zeugs, der Wechsel des E-Mail-Anbieters einfach komplett… einfach. Zumindest wenn man sich damit abgefunden hat, dass so etwas grundlegendes wie E-Mail auch mal einen Bruchteil der Preise von Musik-Streaming oder Gaming-Podcasts kosten darf.

Ich hänge seit zwei oder drei Jahren hier: Mailbox.org.

Das ganze Business-Geschwafel von wegen “Office” und “Cloud” kann man getrost ignorieren und bekommt für 12€ im Jahr einfach E-Mail und gut (ich glaube, sie haben irgendwas am Preis gedreht und eigene Domains kosten jetzt 36€ oder so? Hm.). Achso, Kalender und Kontakte und kann man auch drüber syncen. Wenn man das braucht.

Bester Podcast

Seit ich zwei Drittel meiner Tech- und (nahezu) alle Gaming-Podcasts rausgeschmissen habe, ist mein Hörvergnügen um einiges diverser, vielseitiger und unterhaltsamer geworden. Auch wenn es schade um die Pionierinnen und Pioniere des Podcast-Formates ist, dass die etablierten Institutionen, Verlage und Sender in vielen Fällen die interessanteren Inhalte abliefern können als “drei gute Kumpels labern über Videospiele”. So haben die Redakteurinnen vom NDR einfach zur richtigen Zeit den richtigen Podcast gemacht. Sorry, gegen das Coronavirus-Update hatte auch 2021 niemand eine reelle Chance.

Bestes Spiel für Kinder im Vorschulalter

Keine Frage: Town Scaper. Ja, natürlich, es ist schon älter als alt (2021 im Early Access auf dem PC erschienen), die perfekte Version ist aber nun die Fassung für das iPad. Hübsche Städtchen mit dem Finger touchen und dabei die besten Plöm-Plöm-Plöm-Geräusche machen. Gibt’s auch für PC und Android.

Vermutlich bestes Spiel, das ich nicht gespielt habe

Alles deutet darauf hin, dass Inscryption ein gutes, vielleicht sogar herausragend gutes Spiel sein könnte. Aber ich habe ein ganzes Bündel an Ausreden, warum ich es nicht gespielt habe. Außerdem möchte ich nicht enttäuscht sein, falls es (wieder einmal) nicht ganz sooooo gut ist, wie alle gesagt haben.

Spiel, das ich beinahe vergessen hätte

Psychonauts 2 hat etwas, das viele Videospiele nicht haben: Herz.

Es ist ein Spiel, dem man anmerkt, dass die Menschen dahinter Spaß an ihrem Projekt hatten und das mir nicht weniger Spaß beim Spielen bereitet hat. Es ist, als ob man 2005 die zweite Spiel-DVD eingelegt hätte und genau dort weitermachen darf, wo Teil 1 aufhörte: Absurde Gedankenwelten bereisen, blödsinnige Ideen bestaunen und bei mittelmäßigen Plattformpassagen immer wieder in den Abgrund fallen. Alles noch eine Spur aufwändiger produziert, noch ein bisschen schöner gestaltet und ein bisschen kitschiger erzählt. Fortsetzender könnte man eine Fortsetzung kaum machen. Ist übrigens, klaro, auch im Game Pass!

Ergänzt die Liste gerne in den Kommentaren!

4 Kommentare


Kommentare

  1. Avatar for Fabu Fabu says:

    Also so schlecht finde ich Discovery nicht. :expressionless:

  2. Avatar for VfBFan VfBFan says:

    Zwei kleine Einsprüche oder eher Ergänzungen von mir:
    Die Moderna-Rakete geht mindestens genauso steil und Posteo kann auch diese seltsamen elektronischen Briefe verschicken. :kissing_heart:

    Ansonsten volle Zustimmung und allen Abomodellen bei Software weiterhin brav aus dem Weg gehen. :wink:

  3. Ich gehöre auch zu jenen, die jeglichen Google-Diensten abgeschworen haben (inkl. Smartphone, da läuft bei mir /e/ OS). Habe wie @VfBFan eine E-Mail Adresse bei Posteo - wobei ich glaube, dass sich da Mailbox und Posteo nix tun. Und falls wer ohne Google „Google Documents“ vermisst: CryptPad = Gold! <3

    PS Beste Rakete ist übrigens 'ne wirkliche Rakete: Ariane 5, die vor kurzem das James Webb Space Telescope erfolgreich in den Erdorbit geballert hat. Und das Ding wird wirklich geile Entdeckungen für die Menschheit ermöglichen. Denkt an meine Worte! :alien:

  4. Eine „sichere“ Email Adresse ist immer sehr gut. Insbesondere auch um, je nach Anbieter, eine vielzahl von Alias zu erstellen, um herauszufinden, wo die eigene Mail Adresse durchgesickert ist.

    Und übrigens: Notability hat jedoch kurz danach allen Käufern lebenslangen Zugriff auf die bestehenden Features zugesprochen. Als Abonemment kann man sich also einfach nur Layouts und Stickerpacks „mieten“ lol

    Habe den Goodnotes Sale zu der Zeit leider verpasst, weshalb ich weiterhin bei Notability bleibe.

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