Videospielkultur ist Listenkultur, sei es bei Highscores von Pac-Man oder in Bestenlisten auf Gamingmagazinen. Bei unserem Format „WASTED Top 5“ kommen aber nicht selbsternannte Spezialexperten mit Let’s-Play-Kanälen oder alteingesessene Gamingmagazin-Chefredakteure zu Wort, sondern ihr: Die Community von WASTED!

Im Januar habt ihr euch in der Livesendung auf Twitter Spaces dazugeschaltet und die besten Spiele für eine schwierige Zeit vorgestellt. Diese Top-5-Liste ist deshalb nicht irgendeine Top-5-Liste, sondern eure Top-5-Liste mit Spielen für, in und über die Pandemie, die uns nach beinahe zwei Jahren noch immer nicht loslässt. In dieser Liste findet ihr die schönsten Spaziergänge während der Pandemie, die besten Videospiel-Apocalypsen, um die echte Apocalypse zu überstehen, virtuelle Räume als Ersatz für echte Nähe und auch das ein oder andere Guilty Pleasure, für das sich nach zwei Jahren On-and-off-Beziehung mit dem Lockdown Light niemand mehr schämen muss.

1. Grenzdebile Viecher in Animal Crossing: New Horizon knuddeln

Nintendo wird es nicht zugeben, aber die haben alle einen Schatten.

Das erste Spiel der Pandemie darf auch zwei Jahre später auf keiner Liste fehlen: Animal Crossing. Nicht nur alle deine Freund*innen mit einer Switch, praktisch alle Leute denen du auf Twitter folgst und sogar der Wiener Indiegame-Spezialexperte Rainer Sigl haben dir während Corona vermutlich schon die absurde Alltagssimulation von Nintendo nahegelegt, sondern auch das WASTED-Community-Urgestein Mr. Black. Das tut er nicht aus den 8.000 Gründen, die schon zigmal genannt wurden – etwa dem Erleben einer scheinbar heilen Welt in düster-dunkel-distanzierten Zeiten da draußen – sondern als wohltuende Beschäftigungstherapie.

Genau das wird Videospielen gerne mal vorgehalten, einfach nur Beschäftigung um ihrer selbst willen zu sein. Animal Crossing war jedenfalls ein Anlass für das Feuilleton, sich mal wieder mit Videospielen zu beschäftigen. Animal Crossing bietet uns nach Maskentragen im öffentlichen Nahverkehr die Möglichkeit, frei von Abstandsregeln grenzdebile Cartoon-Viecher zu knuddeln, die alle einen Schatten haben. Nach zwei Jahren mit deutlich reduzierten sozialen Kontakten ist es doch genau das, was wir alle vermissen, wenn wir ehrlich sind: Ständig von merkwürdigen Leuten mit totalem Nonsens vollgequatscht zu werden. (Also, außer sie schwurbeln halt so richtig.) Und so ist es auch nicht überraschend, dass im letzten März die scherzhafte Verschwörungstheorie kursierte, Nintendo hätte das Corona-Virus erfunden, um die Verkäufe des erfolgreichsten Animal Crossings aller Zeiten zu befeuern. Cui bono?!

2. Bei Red Dead Online am Lagerfeuer einen Sitzen haben

Bitte 1,5 Meter Abstand halten!

Während der Pandemie sollte man sich bestenfalls nur noch draußen treffen, um das Risiko einer Infektion zu verringern. Wenn man schon an der frischen, Aerosole abtransportierenden Luft unterwegs ist, kann man sich’s ja wenigstens schön machen. Und was ist gerade jetzt im Winter schöner als ein wohlig-wärmendes Lagerfeuer unter freiem Sternenhimmel? So macht es jedenfall das WASTED-Community-Mitglied Stefan. Für ihn war das meistüberschätzteste Spiel aller Zeiten, Red Dead Redemption 2, in der Multiplayer-Variante Red Dead Online ein wahrer Segen. „Ein Freund von mir und ich wir sind da irgendwie reingeschlittert während des Lockdowns“, erzählt er im Podcast. Die toughen Cowboys und -girls, die man sich im Spiel bauen kann, sind für die beiden irgendwann echte Avatare geworden, um sich in ihrem eigenen kleinen Metaversum zu verabreden.

Der parallel über Discord laufende Sprachchat wäre natürlich auch ohne Westernromantik möglich gewesen. Das Spiel half den beiden aber dabei, die Ferne zu überbrücken. „Was beim Singleplayer der Nachteil von dem Spiel ist, diese überbordende Detailscheiße, das ist ziemlich cool, wenn man sich einfach nur so trifft um zu Quatschen und zusammen in den Sonnenuntergang zu reiten“, sagt er. Allein sind Stefan und sein Kumpel dabei nicht. Sogar Unternehmen haben während dem verordneten Homeoffice auf virtuelle Firmenevents am Lagerfeuer gesetzt. Für diese Art der Immersion muss ein Videospiel nicht einmal auf überteuerten VR-Headsets laufen. Ein schönes Lagerfeuer reicht schon aus.

3. In The Last of Us Part II einer Pilzinfektion aus dem Weg gehen

Solidarität ist ein Wort, das mit der Apokalypse ausgestorben ist.

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Zombieapocalypsespiele gibt es wie Sand am Meer oder, nun ja, eben wie Zombies in State of Decay 2. Trotzdem schaffte es ausgerechnet das Studio hinter den nach allen Hygieneregeln aufpolierten Sagrotan-Abenteuern mit Strahlemann Nathan Drake, mit einer der düstersten Zombieapocalypsen im Gedächtnis zu bleiben. Die Rede ist natürlich von Naughty Dogs The Last of Us. Das Plädoyer für dieses Spiel kam im Live-Podcast von WASTED-Autor Sascha Brittner höchstpersönlich. Neben den offensichtlichen Parallelen der fiktiven Pandemie zum Corona-Virus sieht betont er vor allem die gezeigte gesellschaftliche Dynamik als besonders bedeutungsvoll. Zwischen dem ersten und zweiten Teil beobachtet er eine Evolution der Schwurbler, die ganze Parallelgesellschaften mit eigenen Realitäten entwickeln.

Das klingt angesichts der Radikalisierung einiger Corona-Leugner inzwischen leider gar nicht mehr nur nach einem Videospiel. Solidarität ist eines unserer wichtigsten Werkzeuge, um die Pandemie zu bekämpfen. The Last of Us zeigt uns, was passiert, wenn wir den Umgang damit verlernen. Das Misstrauen der Menschen zeigt sich längst nicht mehr durch grimmige Blicke hinter den Atemschutzmasken, sondern in einer eskalierenden Spirale der Gewalt. Für die Protagonst*innen Joel und Ellie gibt es längst kein Zurück mehr. Ob Bundespräsident Frank Walter-Steinmeier wohl gerade noch seinen zweiten Durchgang in Naughty Dogs Epos beendet hat, bevor er in seiner Weihnachtsansprache sagte, dass wir uns auch nach der Pandemie noch in die Augen schauen können müssen?

4. Aber auch wirklich Everybody’s Gone to the Rapture

Vor dem nächsten Videocall musst du das Büro aber schon nochmal aufräumen…

Ein weiteres Spiel, das Sascha für die diese Top-5-Liste beigetragen hat, ist das totale Gegenteil von The Last of Us. Sind die Städte der USA dort zerstört und überwuchert, sind die Hecken des englischen Dorfes aus Everybody’s Gone to the Rapture so akkurat geschnitten, als wäre gerade erst ein Gärtner mit der Nagelschere vorbeigekommen. Anzeichen für seine Anwesenheit gibt es aber nicht, denn alle Anwohner:innen der beschaulichen Ortschaft nehmen es nach ihrem plötzlichen Verschwinden mit den eineinhalb Metern Sicherheitsabstand etwas übergenau.

Der Walking-Simulator erreicht mit seiner melancholischen Grundstimmung gleich zwei Dinge. Zum einen können sich Spieler:innen der eskapistischen Fantasie der völligen Isolation hingeben. In dem menschenleeren Ort kann man die Sonnenstrahlen so unbeschwert erleben, wie es in der Straße vor der Haustür gerade nun mal nicht geht. Gleichzeitig lässt uns Everybody’s Gone to the Rapture endlich Frieden finden mit der größten Bürde, die zumindest all denen von uns abverlangt wird, die aus dem Homeoffice arbeiten können: Der Langeweile. Außer man ist Christian Schiffer und verläuft sich ständig auf dem Campingplatz…

5. Im Landwirtschafts-Simulator 22 aus dem Homeoffice ackern

Danke, liebe Landwirt:innen, Busfahrer:innen und Kassierer:innen!

Und ja, Homeoffice ist nach wie vor ein Privileg, auch wenn es über die letzten Jahre erst zur Pflicht geworden ist und bald zum Recht werden könnte. Die Telearbeit hat natürlich ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Ich müsste diesen Artikel so etwa nicht aus der miefigen Altbauwohnung in der Großstadt schreiben, sondern könnte genauso gut in meinem imaginären Sommerhaus in Brandenburg die Dorfromantik genießen. Das letzte Spiel, das die WASTED-Community auf dieser Liste platzierte, findet eine Balance zwischen hartem Arbeitsalltag und romantischer Verklärung des Landlebens. Und auch wenn das Spiel immer wieder als „Guilty Pleasure“ verunglimpft wird, müsste es natürlich anders sein: Der Landwirtschafts-Simulator ist vielleicht das aussagkräftigste Spiel dieser Pandemie.

Daniel Ziegener

Hat als freier Spielejournalist mal einen Podcast-Preis gewonnen und zehrt heute noch davon.

Vom Linienbus bis zum Arzt am OP-Tisch gibt es auf Steam und Co. zahllose Spiele, die Jobs simulieren. Oft sind das Jobs, die niemand machen will und manchmal sind die Spiele als Witz gemeint. Dabei sind doch genau die Arbeiter*innen in Schlachthöfen, Kassierer*innen im Supermarkt und Fahrer*innen im Linienbus, die sich die Bequemlichkeit von Videomeetings in Unterhosen nicht erlauben können. Für all die Menschen, die unsere Gesellschaft während der Corona-Pandemie am Laufen halten und sie vom Abrutschen in die Apokalypse bewahren, stehen wir videospielaffinen Faulenzer uns jetzt mal auf den virtuellen Acker und klicken auf das Applaus-Emoticon. Denn das ist ja wohl das Mindeste.

Booooster!

5 Kommentare


Kommentare

  1. Wenn ich bei der Folge eins gelernt habe, dann, dass die Community die geilsten Picks bringt :thinking:

  2. Avatar for VfBFan VfBFan says:

    Spricht das jetzt für uns oder gegen euch?
    :sweat_smile:

    PS: Oder beides? :smiling_imp:

  3. Avatar for reeft reeft says:

    Sehr geile Zusammenfassung eines so sich spontan entwickelnden Podcasts. Spannendes Format!

  4. Red Dead Online würde ich ja auch gerne spielen, habe damit aber ähnliche Probleme wie mit GTA Online. Spielersuche und Ladezeiten sind ein Graus und ich fliege immer aus den Lobbies raus.

    Ansonsten, auf dem Blatt Papier, wäre es wirklich ein unglaublich entspanntes Spiel.

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