Brief und Sigl: No Fucking Thanks

Alle zwei Wochen setzt sich Rainer an seine Tastatur und schreibt dir einen Brief. Ja, dir.

Es geht um die großen, wichtigen, letzten Dinge: Sex, Tod, die Liebe, das Leben, den Sinn des Ganzen. Und um Videospiele. Große, kleine, teure, obskure, die Menschen, die sie machen, kritisieren, spielen und lieben. Kurzum: Es geht ans Eingemachte. „Brief und Sigl“ ist eine Depesche aus dem Ludoversum.

Liebe Leserin, lieber Leser,

es gibt jetzt praktisch eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder du bist auf sozialen Medien aktiv und hast in den letzten Wochen und Monaten schon derart oft das Akronym NFT gelesen und gehört, dass dir der Mist aber schon sowas von hart auf den Nerv geht. Oder aber du genießt ein beneidenswert harmonisches Leben abseits dieser Müllkippe, die wir hier so unsere Diskursecke nennen. 

Ja, es wurde bei Gott schon sehr viel über Non-Fungible Tokens geredet, auch auf WASTED, und wenn du die Nerven behalten hast, dich zu diesem unausweichlichen Hype schon schlau zu machen, werde ich dich nicht mit technischen Erklärungen von oben herab quälen. Nur zur Sicherheit, oder falls du, wie erwähnt, zur beneidenswerten Gruppe 2 gehören solltest: Dieser Text von Tante deckt so ziemlich alles ab, wenn du Zeit hast, kannst du dir auch in unfassbar unterhaltsamen zwei Stunden und 18 Minuten von Dan Olson erklären lassen, was sein Problem with NFTs ist. 

Kurz rekapituliert: NFTs sind durch ihre Anknüpfung an die  Blockchain-Kryptowährung Ethereum nach wie vor und wohl noch länger ein weiterer Ölkanister, der auf diesen brennenden Planeten gekippt wird. Missbrauch und Beschiss wird durch die Blockchain kaum Einhalt geboten und letztlich geht’s beim vermutlich orchestrierten und eingekauften Hype um Affen-JPGs wohl doch nur darum, den auf Millionen, ja: Milliarden schweren Krypto-Wallets sitzenden Whales den nötigen Cashflow zu verschaffen, damit sie sich auch mal was in echtem Geld auszahlen lassen können.  Das ist alles so richtig schön scheiße, aber: Mein Problem mit NFTs geht sogar noch über all diese extrem berechtigten Sorgen hinaus.

Mehr Brief vom Sigl?

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Wir sind beide hier, um über Spiele nachzudenken, und da stellt sich die Frage: Was soll der Bullshit ausgerechnet in unserem Medium? Ubisoft, Square Enix, Konami, jede Menge andere Anzugsträger in dieser umsatzstärksten Entertainmentbranche des Planeten haben sich offenbar vorgenommen, ihre Spielerschaft mit Gewalt in die schöne neue Welt der NFTs mitzunehmen, ob sie das wollen oder nicht. Der Gamedesigner Damion Schubert hat schon Mitte Januar in einem umfangreichen Twitter-Thread so ziemlich jede Ausrede der NFT-Bubble, warum diese Technologie unbedingt in Games ihre Berechtigung hat, in Millionen Einzelteilchen zerlegt, aber das tut der Begeisterung der geldgeilen Chefetage keinen Abbruch.  

Wer sich gegen die glorreiche Gaming-Zukunft mit NFTs stelle, ist wohl einfach zu blöd, wie Nicolas Pouard, VP bei Ubisofts Strategic Innovations Lab, treuherzig zu Protokoll gegeben hat. So gewinnt man die Herzen des Publikums.

Im Zentrum der Versprechungen und Verheißungen, für deren Würdigung ich zumindest  definitiv zu blöd bin, steht dabei ein anderes Akronym: Play to Earn, kurz P2E.  Warum einfach so spielen, so fragen hunderte ehrlich über diese Frage nachgrübelnde Kryptopreneuere angesichts der für sie fremden Welt des Videospielens, wenn man damit doch auch Geld verdienen kann? Warum sinnlos Zeit völlig unproduktiv mit „Spaß“ in einem schnöde NFT-losen Spiel wie etwa Horizon Zero Dawn – Forbidden West verschwenden, wenn ich mir auch durch endloses Grinden in einem hässlichen, miesen, aber durch die göttliche Gnade der Blockchain monetisierbaren Volltrottelseelenzerstörer wie Axie Infinity den Gegenwert einer Schüssel Reis im Industrieviertel Süd-Manilas erwirtschaften kann?

Aber halt – ich gehe mal einen Schritt zurück. Selbst wenn Axie Infinity und Co nicht solche absoluten Kolostomiebeutel voller Spielspaßkrebs wären, und selbst wenn sich durch die Teilnahme an diesem Deppenkarnival mehr als der Mindestlohn in diesem neuen Schauplatz der globalen Ausbeutung der Jugend in Entwicklungsländern erwirtschaften ließe: Der Hund liegt hier ganz woanders begraben.  

Rainer Sigl

Schreibt und spricht seit 2005 (nicht nur) über Videospiele. Lebt in Wien.

Nämlich in einem unfassbar offenkundigen Widerspruch: Wer spielt, tut dies nicht, um zu arbeiten. Er tut es, um einen Rückzugsraum abseits dieser alles auffressenden spätkapitalistischen Verwertungslogik zu genießen. Um sich als Mensch in einer Welt losgelöst von dieser Maschine zu erleben, die nebenbei bemerkt den ganzen Planeten samt unserer Lebensgrundlagen auffrisst und die verdauten Reste aufs Konto immer weniger Hyper-Milliardäre kackt. Wer nicht verstehen kann, was der Reiz an dieser Art von absichtsloser Beschäftigung ist, wer nicht sieht, dass sie der Kern der Faszination der urmenschlichen Beschäftigung mit Spielen an sich ist, sollte niemals auch nur ein einziges Mal zu diesem Thema auch nur den kleinsten Furz hören lassen.

Genau das ist mein Problem mit NFTs in Spielen – nicht, dass sie dir und mir das Geld aus der Tasche ziehen wollen, nicht, dass sie das Betrügen leichter oder wahrscheinlicher machen, und nicht einmal, dass sie durch ihre Befeuerung der wirklich sinnlosen Energieverschwendung CO2 im Ausmaß eines realen Kriegsverbrechens gegen diesen Planeten und seine künftigen Bewohner*innen erzeugen, obwohl Letzteres auch schon für sich allein ein top Grund ist, die Kacke zu boykottieren.

Das alles ist schlimm, doch am schwersten wiegt für mich, dass die Menschen, die „Play to Earn“ für eine gute Idee halten, offenkundig jene sind, die aber so gar keine Ahnung davon haben, was Spiele überhaupt sind.

Denn auf die Idee, dass ich nur darauf warte, doch endlich SINNVOLL, also mit GELD, für diese meine Zeit, in der ich spiele, mich bewähre, erprobe, auslasse, entspanne und ablenke, belohnt zu werden, kann nur kommen, wer statt eines Herzens einen winzigen syphilitischen Schließmuskel in der Brust hat, der den Eiter der Geldzerfressenheit schon in jede mickrige Faser seiner erbärmlichen Existenz gepumpt hat. 

Put this on your fucking blockchain.

Dein

7 Kommentare


Kommentare

  1. Wieder ein NFT-Rant. Unzählige habe ich gehört und gelesen. Bei weitem nicht alle waren textlich so hervorragend.

    Mich lässt dieses Thema erstaunlich kalt. Bis auf den Aspekt Energieverbrauch. Das ist wirklich richtig scheiße. Alles andere haben wir als Konsument*innen in der Hand. Die Nachfrage muss es regeln, nicht die Wut.

  2. Avatar for VfBFan VfBFan says:

    Der Konsument hat da nicht viel in der Hand. Sinnvolle gesetzliche Regelungen werden wohl erst dann kommen, wenn der Mist schon so richtig am Dampfen ist.

  3. Gehöre ja definitiv in Gruppe 2, aber habe trotzdem das Dan Olson Video gesehen und es jedem geschickt der mich im letzten Jahr genötigt hat NFTs mit Ihm zu diskutieren. Allerdings ist meinem Bekanntenkreis eher schwer zu erklären warum die jetzt ein zwei stündiges YouTube Video auf englisch gucken sollen.
    Bei Spielen hatte ich allerdings das Gefühl, das außer bei UBiSoft, die Publisher schon stark zurückrudern was NFT Projekte angeht. STALKER 2 hat seine NFTs komplett entfernt nachdem sich deren Community aufgeregt hat. MetaWorms NFT ist abgesagt nachdem sich alle anderen Team17 Entwickler drüber lustig gemacht haben. Auch Sega und EA haben diesen Monat bekannt gegeben das Sie NFTs wenn überhaupt nur noch für irgendwelche Sammelkarten benutzen wollen. Aber vielleicht sind halt auch alle zu blöd. Du bist zu blöd das zu verstehen ist ja immer ein gutes Argument.

  4. Danke für den schönen Rant.

    Diese Frage „Arbeit oder Spiel?“ finde ich sehr interessant, sie ist aber auch ohne NFT schon interessant. Viele Spiele machen mir auch ohne NFTs überhaupt keinen Spass, weil man langweilige Tätigkeiten im Spiel immer wieder machen muss, um virtuelles Geld oder neuen Loot, also irgendwelche virtuellen Wertgegenstände zu bekommen. Siehe Diablo zum Beispiel. Warum tun Leute sich das an? Und warum ist das so populär? Ich finde gerade Rollenspiele sind als Genre extrem anfällig was solches arbeitsartiges Grinden angeht. Bei Spielen wie Diablo klickt man immer und immer wieder auf Monster, um Loot zu bekommen. Die Kampfmechanik an sich ist stumpfes Mausklicken, ohne viel Geschicklichkeit, glaube ich (vielleicht ist es ein unpassendes Beispiel, man kann auch von Klickspielen auf Smartphones reden stattdessen). Bei Spielen wie Mario dagegen kommt der Spielspass durch die Tätigkeit an sich, das Springen etc., nicht durch virtuelles Geld oder Loot. Diese Diskussion, ob man solche „Arbeit,“ solches Grinding in Spielen braucht, könnte man auch ganz ohne NFT führen. NFTs machen es dann nochmal viel schlimmer, klar.

    EDIT: Um es anders zu sagen, die Aktivität selber im Spiel sollte an sich spielerisch Spass machen, meiner Meinung nach, nicht dass man etwas nur macht und sich sozusagen durchquält, nur um eine Belohnung einzuheimsen.

  5. Ich bin voll auf der Linie, dass man spielen und Geld verdienen auf der Casual-Ebene (also jenseits der Progaming-Szene) nicht verknüpfen sollte. Das nimmt der Sache doch ihren Reiz, denn ich will ja gerade spielen, und nicht arbeiten, um mir etwas dazuzuverdienen.

    Was ich mir mir als interesantes Konzept vorstellen könnte, wäre die Verknüpfung der Spielmechanik mit irgendwelchen dahinterliegenden Tasks, also zB Verschlüsselung/Entschlüsselung, Durchforstung von Datenbeständen nach bestimmten Mustern etc. (so wie bei Seti at home) Das dürften die Spieler natürlich nicht merken, also müsste es komplett unter der Oberfläche ablaufen, gleichzeitig aber transparent kommuniziert werden.

    Auf diese Weise könnte man ggf. eine neue Klasse von „f2p“ Spielen kreieren, bei denen man nicht mit seinen Daten zahlt, sondern damit, dass wir dem Hersteller quasi einen Teil unserer Freizeit und unserer Rechenleistung „schenken“, mit der dieser dann Geld verdienen kann (zB. indem er sie Dritten für deren Projekte zur Verfügung stellt).

  6. Avatar for KaFour KaFour says:

    Das ganze CryptoCurrency Prinzip erinnert übrigens verblüffend an eine Szene aus einem der Douglas Adams Anhalter Roman (Konkret: The Restaurant at the end of the universe).

    Da landet eine Gruppe von Idioten auf der prähistorischen Erde. Und führt dann „Blätter von Bäumen“ als Währung ein. Da dadurch natürlich alle plötzlich unfassbar reich werden, entsteht ein kleines Inflationsproblem. Das wird dann dadurch gelöst, dass man alle Wälder entlaubt…

    OK, Douglas Adams konnte das pointierter Erzählen…

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