Mein Leben in Spielen — Dom Schott, Freier Journalist

"Wir waren Kinder mit Controllern in der Hand - bis uns The Getaway gewaltsam aus dieser heilen Unterhaltungswelt riss."

Spiele können vieles sein: Unterhaltung, Herausforderung, Eskapismus, Trost. Sie sind verflochten mit der eigenen Geschichte. In der Serie „Mein Leben in Spielen“ reisen Freund*innen von WASTED zurück in die Zukunft.

Aufgewachsen im fränkischen Wald, studiert in Heidelberg und Rom, fast Archäologe, dann aber doch Journalist geworden. Heute lebt und stolpert Dom Schott in Hamburg, ist Teil des Teams von The Pod und hat sich mit OK COOL den Traum eines eigenen Podcastmagazins verwirklicht. Nächster Traum: Richtig leckere Waffeln machen. Aim for the stars.

Alley Cat 1983, Synapse Software, MS-DOS

Hässlich, aber doch irgendwie schön: Das Minispiel-Abenteuer eines streunernden Katers.

Irgendetwas muss meinem Vater wahnsinnig an Alley Cat gefallen haben. Immerhin setzte er mich vierjährigen Bub Anfang der 1990er Jahre ausgerechnet vor diese altbackene Minispielsammlung inklusive Kater als Helden, während die Welt bereits durch die ersten farbenfrohen Adventures von LucasArts und Sierra spazierte.

Allem technologischen Fortschritt zum Trotz sprang die Begeisterung meines alten Herrn aber tatsächlich auch auf mich über: Die schrillen Cyan- und Magenta-Töne der Spielwelt brannten sich nicht nur auf den alten Röhrenmonitor, sondern auch direkt in mein Kinderherz. Begeistert schickte ich den Pixelkater über Gartenzäune und in fremde Wohnzimmer, schlug nach Fischen in Aquarien und versteckte mich vor schwebenden Besen.

So richtig begreifen, was da auf dem Bildschirm eigentlich passierte, konnte ich natürlich noch nicht. Auch das Konzept des „Minispiels“ war meinem minderjährigen Hirn noch fremd, warum kann der Kater nicht einfach alle Fische fressen und dann ganz lange schlafen, was soll das. Und trotzdem: In diesem pixeligen Hinterhof mit seinen unangenehmen Farben und kreischigen Soundbits entdeckte ich meine Liebe zum Spiel, die mich nie mehr loslassen sollte. Ein Fenster zu einer ganz neuen Welt hatte sich für mich geöffnet.

The Getaway 2002, Team Soho, PlayStation 2

Das „GTA V“ der frühen 2000er sah durch Kinderaugen fotorealistisch aus.

Jahrelang traf ich mich jedes Wochenende mit einem Jungen aus meinem Heimatdorf, um gemeinsam zu spielen. Erst Playmobil und Lego, dann irgendwann PlayStation 2. Die ersten Runden als digitales Duo führten noch durch harmlose Spielwelten: Wrestling-Arenen, Fußballfelder, Formel-1-Strecken. Wir waren Kinder mit Controllern in der Hand – bis uns The Getaway gewaltsam aus dieser heilen Unterhaltungswelt rieß.

Plötzlich waren wir nicht mehr der Ultimate Warrior, der seine Oberschenkel-Polygone auf pixelige Gesichter schmeißt, sondern ein hartgesottener Auftragskiller, der mit schweren Waffen um sich schießt. Mit einem Schlag hatte sich die Stimmung in unserem Kinderzimmer geändert: Kein fröhliches Jauchzen mehr, stattdessen andächtige Stille, in der wir versuchten, die ungewohnt realistisch inszenierte Gewalt auf unserem Bildschirm zu begreifen. Auch das können Spiele sein? Roh, brutal, irgendwie auch filmreif? Spannend. Ungewohnt. Faszinierend. Faszinierend zu sehen, dass in diesem Medium offenbar noch mehr steckte, als humorige Point’n’Click-Adventures, verkopfte Aufbaustrategie und Rangeleien mit Muskelmännern in Unterwäsche.

Age of Mythology 2002, Ensemble Studios, Windows

Das Strategiespiel ließ antike Heroen Seite an Seite mit mythischen Kreaturen kämpfen – und brachte eine jahrelang aktive eSport-Community hervor.

2002 passierte wirklich viel in meinem Leben: Erst wühlte mich The Getaway gründlichst auf, dann stülpte mir Age of Mythology das eSport-Trikot über, Jahre bevor ich den Begriff des „eSports“ überhaupt kannte. Aber alles der Reihe nach.

Für mich stand fest, Age of Mythology zu kaufen, als ich die großen Screenshots in meiner GameStar entdeckte: Griechische Soldaten kämpften Seite an Seite mit Minotauren und Kentauren gegen Wikinger, Trolle und Medusa-Schlangen – der Archäologe in mir (der zehn Jahre später übrigens wirklich Archäologie studieren würde) knallte vor Freude mit seiner Peitsche.

Begeistert spielte ich aber nicht nur die Kampagne des Strategiespiels, sondern erkämpfte mir auch bald einen recht hohen Rang im Multiplayer. Age of Mythology beherrschte wochenlang mein Denken, sodass ich auch meinem damaligen Gitarrenlehrer von besonders knappen Matches berichtete. Und, wie es der Zufall so will, war dieser Gitarrenlehrer nicht nur musikalisch, sondern auch Mitglied eines Clans, der kompetitiv Age of Mythology spielte. Einen kurzen Einstellungstest später (ich erklärte, wie der Wikinger-Rush funktioniert), war ich Teil des Teams und spielte bald meine ersten Turnierspiele. Ich war gut. Sehr gut. Aber dank konservativen und besorgten Elternhauses habe ich niemals versucht, eine Karriere als eSportler anzustreben. Vielleicht zum Glück, aber auch nur vielleicht. Wer weiß, was aus mir geworden wäre.

Left 4 Dead 2 2009, Valve, Windows

Auf den Servern von Left 4 Dead 2 formte sich eine Freundschaft, die mich wochenlang vor der zwischenmenschlichen Isolation bewahrte.

Im Sommer des Jahres 2009 platzierte mein Leben den bis dahin größten Meilenstein in meiner Biographie: Abitur, Auszug aus dem Elternhaus, Einzug in die erste eigene Wohnung im Speckgürtel Heidelbergs. Auf mich wartete mein Studium der Archäologie und eine mir völlig unbekannte Stadt. Ich kannte niemanden, selbst Straßenbahnen waren mir Dorfkind noch völlig fremd. Einsamkeit und Frustration klopften bereits an meiner neuen Wohnungstür, aber bevor ich ihnen öffnen konnte, rief mich ein neuer, digitaler Freundeskreis in seine Mitte.

Eigentlich hatte ich mir den Shooter Left 4 Dead 2 nur gekauft, weil ich schon damals ein großer Fan von Horrorfilmen und Zombies war. Schnell aber sollte dieses Spiel mehr als nur der Ort für ein paar hektische Schießereien auf Untote werden: Im Multiplayer lernte ich einen irischen Barkeeper und einen DJ aus Amsterdam kennen, mit denen ich mich im Laufe unserer ersten Partie schnell anfreundete. Freundschaftsanfragen wurden ausgetauscht und schon starteten die nächsten gemeinsamen Runden. 

Dieser Online-Freundeskreis wurde während meiner ersten Wochen in Heidelberg ein wichtiger Rückzugsort, der die hin und wieder herankriechende Einsamkeit schnell wieder vertreiben konnte. Und schließlich fand ich sie auch, die realen Freunde in meiner neuen Stadt. Die Matches auf den Servern wurden kürzer, die Nächte in den Heidelberger Kneipen länger. Und dann endete schließlich die gemeinsame Online-Zeit ganz. Es bleiben Erinnerungen an lange Nächte im Teamspeak, an mein holpriges Englisch und ihre beiden Nicknames, die bis heute auf meiner Steam-Freundesliste hin und wieder aufploppen. Und mir ein kleines Grinsen entlocken.

For Honor 2017, Ubisoft, PlayStation 4

Ein digitales Schlachtfeld, das Wikinger, Ritter und Samurai zusammenbringt: (M)ein Kindheitstraum wurde wahr.

Ab und zu hört man sie, die Geschichten von Menschen, die irgendwann die Lust am Spiel verloren haben. Meist wegen des Alters und fehlender Zeit, manchmal aber auch aus unbestimmten Grund. Ich selbst war von dieser Gefahr wohl nie weiter entfernt, als in den Februartagen des Jahres 2017.

Am Valentinstag sollte mit For Honor ein Spiel erscheinen, das ich mir schon als Kind immer gewünscht hatte: Ritter, Wikinger und Samurai hauen sich gegenseitig auf den Kopf. Großartig! Meine Vorfreude war groß. So groß, dass ich auch noch Tage nach Ende der öffentlichen Beta jeden Abend das Spiel startete, um vielleicht doch den einen Server zu finden, den Ubisoft vergessen hatte abzuschalten. Manchmal saß ich dann noch minutenlang vor der Error-Nachricht auf dem Bildschirm, lauschte den Klängen des Soundtracks und stellte mir vor, wie ich in ein paar Tagen dann endlich loslegen könnte. Hach.

Bis heute spiele ich For Honor, nicht mehr täglich, aber doch regelmäßig. Meine Erwartungen wurden mehr als nur erfüllt. Dieses Spiel hat mir aber nicht nur viele schöne Stunden auf seinen Servern geschenkt, sondern mich wieder ein Gefühl spüren lassen, das ich längst mit meiner Kindheit verabschiedet hatte: Die Magie des Wartens. Das Glück der Vorfreude. Und die gespannte Aufregung, einmal mehr durch das Fenster meines Bildschirms in eine fremde, neue Welt schauen zu dürfen.

6 Kommentare


Kommentare

  1. Avatar for Fabu Fabu says:

    Manche von euch kennen „Mein Leben in Spielen“ sicher noch als Serie in der WASD. Wir möchten das nun fortführen. Den Anfang macht @R3nDom, quasi als Doppelpack mit seinem Podcast-Piloten. Willkommen, Dom! :fist_right::fist_left:

  2. Herzlich Willkommen @R3nDom ! Schöner Einblick Deine Spielebiographie! :slight_smile:

  3. Hach ein @R3nDom wertet dieses tolle Projekt noch weiter auf, ein Träumchen <3

  4. Avatar for Sonja Sonja says:

    Was für ein schöner Beitrag! Freut mich, dass die Serie hier nun ein zweites Leben bekommt, ich hab sie schon in der WASD immer gern gelesen.

    Aber ein bisschen ist mein Herz an dieser Stelle ja schon gebrochen:

    „diese altbackene Minispielsammlung“ :cry:

    Alley Cat war auch mein erstes PC-Spiel, das dürfte etwa 1990 oder 91 gewesen sein, allerdings war ich da eine Ecke älter als Dom. Und ich habe es so sehr geliebt! Vermutlich hat es viel damit zu tun, dass es eben mein erstes Spiel war, aber alles daran hat mich fasziniert: die cartoonige Grafik, die schrägen Level, die Soundeffekte und nicht zuletzt die Musik, die mir bis heute im Ohr klingt.

    Vor ein paar Jahren habe ich eine Retro-Rezension dazu für die WASD geschrieben, dafür habe ich es auf archive.org nochmal angespielt und fand es immer noch erstaunlich unterhaltsam. Bei der Recherche für den Text habe ich auch erst von der faszinierenden und tragischen Lebensgeschichte des Entwicklers Bill Williams erfahren.

  5. ich finde Dom Schott, Freier Journalist hat immer so was von Guybrush Threepwood, Mächtiger Pirat

  6. Ich kann es hören wenn ich es nur lese und finde diesen Umstand einfach großartig …ach ja, der Dom :hugs:

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