In Cursed to Golf ist das Fegefeuer ein einsamer Golfplatz. Für Jan klingt das zuerst paradiesisch, aber dann zeigt der Platz seine Zähne. Seine Spikes. Seine Macken?

Cursed to Golf Roguelike, Sport

Plattformen
PC, PS4, PS5, Switch, Xbox One, Xbox Series
Release
18.08.2022
Entwickler
Chuhai Labs
Publisher
Thunderful Publishing
USK
ab 6
Links
Offizielle Seite

Es gibt Dinge, von denen kann es zu viel geben. Feinstaub, Lärm, sogar frittiertes Essen. Aber Golf?

Ich liebe Golf am Computer und Minigolf im Meatspace. Wenn es so etwas wie ein Leben nach dem Tod gibt, dann werde ich als Gespenst die Miniaturgolfanlage in Essen-Stadtwald heimsuchen. An einem denkwürdigen Tag habe ich dort die 18 Löcher mit 35 Schlägen geschafft. Jahrelang hing der vergilbte Punktezettel an meiner Pinnwand im Kinderzimmer.

Bevor ich endlich einen Computer bekam, brütete ich damals oft über dem Golf-Telespiel, das eigentlich meinem Bruder geschenkt worden war. Auf dem unbeleuchteten LCD-Schirm war das Gras grün und das Gamedesign perfekt. Geschlagen wurde nach der altehrwürdigen Tradition, in der zuerst lange geplant wird, bevor zwei getimte Knopfdrücke die Ausführung bestimmen.

Das ist für mich Golf. Zuviel Golf kann es nicht geben – habe ich gedacht.

Der Scotsman lacht viel, ist aber nie witzig.

Das habe ich jetzt davon

Jetzt spiele ich Cursed to Golf, und der Name fühlt sich sehr ehrlich an. Ich bin dazu verdammt, mit meinem Golfwagen zum nächsten Loch zu zuckeln, dort die abenteuerlich gewundene Strecke aus Hindernissen, Alternativrouten und Boni zu studieren, einen von drei Schlägern zu wählen, beliebig oft die Stärke des Schlages zu bestimmen, bis sie haargenau passt, und dann mit einem Glücksdruck eher ungefähr zu bestimmen, wo ich überhaupt hinschlage.

Meistens geht das gut. Außerdem darf ich wie einst bei Tiger Woods PGA Tour den Spin des Balls nach dem Schlag beeinflussen. So lande ich meistens nicht in einer unmöglichen Ecke, falle nicht ins Wasser oder auf die Spikes. Aber gelegentlich geht es schief. Dann habe ich das Timing minimal verpatzt, haue den Ball an die Vorderkante statt an die Oberseite eines Bordsteins, die auf diesem Golfplatz überall lauern, und er prallt zurück, fliegt auf die Spikes, und dann wird mir direkt ein Schlag abgezogen, mein begrenzter Vorrat ist am Ende, und ich darf nicht einmal das Loch fertig spielen, es ist sofort vorbei, ich werde ausgespien und stehe wieder am Anfang des Spiels.

In solchen Augenblicken sind alle Stärken vergessen. Cursed to Golf sieht lebendig aus, es klingt unanständig gut gelaunt, es hat griffige Menüs, es steuert sich meistens auch gut, aber es frustriert mich. Es hätte von mir aus kein Golf-Like (oder Roguelikelikelike) sein müssen.

Blick in die zweite Zone: Ab hier verzweigt sich der Weg zur Fahne mehrfach, das Loch wird zum Labyrinth.

Tod, wo ist dein Stachel?

Eigentlich ist die Prämisse wunderbar. Ein Golfprofi wird auf dem Platz vom Blitz erschlagen und landet folgerichtig in einem Fegefeuer, aus dem er sich nur herausgolfen kann. Cursed to Golf hat eine starke Pseudoretro-Optik, es sieht aus wie ein Super-NES-Spiel mit eingebauter rosaroter Brille. Die Musik quietscht und flirrt, die Sprites knallen. Alles ist etwas zu schrill und aufdringlich für ein Golfspiel. Das passt, wir spielen hier schließlich Teufelsgolf.

Das sieht zugegeben einfach gut aus.
Kein Schläger kommt diese Stufe hinauf. In solchen Augenblicken würde ich gern etwas anderes spielen, aber ich bin zum Golfspielen verdammt.

Das Golf-Like hat eine Überwelt, in der ich an geisterhaften Zuschauern vorbei von Loch zu Loch fahre. Jedes Loch sieht wie ein fordernder, verzweigter Level in einem altmodischen Jump’n’Run aus. Es gibt Bunker und Wasserbecken, aber auch Portale, Tunnel, TNT und lauernde Untote in Gräbern. Ich muss die Fahne in 5 Schlägen erreichen, sonst sterbe ich auf dem Fairway und alles beginnt von vorn. Wichtige Ausnahme: Wenn ich unterwegs Trophäen zerdeppere, bringt mir das lebenswichtige Bonusschläge. 

Hat der Shop zwischen zwei Löchern geöffnet, kann ich mein Prämiengeld in mehr oder weniger originelle „Ace Cards“ investieren. Viele Karten geben mir einfach mehr Schläge oder einen Mulligan, ein paar bieten mehr oder weniger sinnvolle Spezialkräfte. Um zu siegen, müsste ich 18 Löcher spielen und dabei vier Realms durchqueren – das ist geschätzt, ich bin noch nicht durch. Jede Zone wird von einem Geist eingeführt und begleitet, bevor er mich am Ende der Teilstrecke als Bossgegner*in erwartet. Besiegte Geister geben mir einen mächtigen Bonus, der auch in neuen Anläufen bestehen bleibt. Ein bisschen Fortschritt gibt es also doch.

Ach da.

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Das hätte alles genau so funktionieren können. Die Steuerung ist einleuchtend einfach. Dass ich nach jedem Scheitern neu anfange, ist grundsätzlich nicht schlimm. Aber hier ist es mir zu öde umgesetzt. Ich liebe zum Beispiel Hades dafür, dass ich nach jedem Scheitern neue Gespräche führe, dass zumindest irgendeiner der geistreichen Charaktere mir etwas Neues erzählt. Wenn ich in Cursed to Golf sterbe, steht da wieder der Scotsman und sagt „Har, wee one“ oder so. Er sieht lebendig aus, kennt aber nicht eine einzige Pointe. Zumindest die nächsten beiden Geister sind nicht besser. In bester Retro-RPG-Tradition wird hier alles in mindestens 20 Sprechblasen erklärt. Nicht eine einzige ist jemals witzig oder interessant geschrieben.

So langweile ich mich beim Weg durch das Fegefeuer.

Das ist schade, aber wichtiger wären die Level (Löcher). Sie sind gewunden und voller abwegiger Hindernisse, aber sie sind mir zu eng. Dass ich aufpassen muss, den Ball nicht an die Decke zu schlagen, fühlt sich absurd an. Dass der Ball schnell in der Nähe von Stufen und Mauern landet, über die ich auch mit dem Wedge nicht schlagen kann, wirkt wie ein Designfehler. Und die Löcher werden zwar nach jedem Scheitern neu gemischt, wiederholen aber so viele Versatzstücke, dass es sich für mich nicht mehr neu anfühlt.

„Time Stop“ ist eine gute Ace Card, “Scattershot” nicht. Vielleicht beim nächsten Booster!

So langweile ich mich beim Weg durch das Fegefeuer. Die Dialoge sind blass und wiederholen sich zu oft, die Level sind mir zu frickelig und sie wiederholen sich zu oft und die Kamera ist einfach zu nah dran. Ich kann vorher mit der „Birdie Cam“ durch den Level fliegen und alles herausgezoomt begutachten, aber beim Schlagen kommt es mir vor, als hätte mir jemand auf dem Minigolfplatz die Brille geklaut.

Quantitätsmatrix

Das soll bestimmt so sein, das ist halt eine eingebaute Schwierigkeit. Bei kürzeren Schlägen sehe ich auch bis zum ersten Aufprall ganz genau, wo der Ball hinfliegen wird, und muss nur das Timing hinbekommen. Das ist OK. Aber die Sehbehinderung beim weiten Schlag funktioniert für mich nicht als Golfspielmetapher. In Cursed to Golf kann ich (anders als in echt) super präzise bestimmen, wie fest ich schlage, weil ich jedes Mal straffrei abbrechen und die Stärke noch einmal neu bestimmen kann. Dafür kann ich viel schlechter zielen und die Richtung nur mit dem übernatürlichen Spin nach dem Abschlag korrigieren. Wenn ich das Ziel nach einem weiten Schlag treffe, fühlt es sich wie Glück an. Wenn ich danebenhaue, unfair.

Wie grün ist das Gras auf anderen Plätzen?

Golf Gang

In Golf Gang geht der Ball ständig daneben. Alle Mitspieler*innen schnippen gleichzeitig über unmögliche Riesenminigolfbahnen, jeder zweite Ball titscht gegen einen anderen Ball oder fällt ins Wasser, aber es geht auch um wenig. Jede Runde hat die Schwere einer Kissenschlacht. Als Roguelike wäre das Spiel eine Katastrophe.

What The Golf

In What The Golf ist jedes Loch ein Witz. Viele der Witze sind nicht gut, ein paar aber doch. Der Augenblick, in dem ich auf dem Touchscreen nach hinten ziehe, die Stärke berechne, und (Spoiler) statt dem Ball fliegt der Golfspieler davon, ist magisch.

Dangerous Golf

In Dangerous Golf schieße ich meinen Ball auf Wertgegenstände, die ich zerstören soll. Ich kann ihn unterwegs steuern. Und dann bemerke ich, dass ich im Prinzip immer noch den Crashmodus aus der Burnout-Serie spiele und kein Golf. Disqualifiziert!

Desert Golfing und Golf on Mars sind Golf an sich, in Perfektion. Für solche Spiele gibt es Touchscreens. Es gibt nur eine perfekt austarierte Steuerungsmethode und das nächste Loch. Das reicht.

Die Indiegolfauswahl ist groß. Cursed to Golf hätte noch eine neue, gute Idee. Dass sie für mich nicht funktioniert, habe ich beim Blick in meine Spielebibliothek gemerkt. Beim Recherchieren für diese Review bin ich an Golf on Mars, What The Golf und Golf Story hängen geblieben. Dann habe ich mich jedes Mal zähneknirschend erinnert, dass ich immer noch verflucht bin.

Golf Story ist kein Golfspiel aus der guten, alten Zeit, tut aber so. Es scheitert an verschiedenen Ecken, aber die Telegolf-Umsetzung mit Draufsicht und getimten Knopfdrücken ist brillant wie früher in meinem Jugendsessel. Dass ich den Ball mitten im Rollenspiel einfach hinlegen und schlagen kann, ist genial.

Cursed to Golf ist ehrlich: Es verspricht uns ein Fegefeuer des Golfens, und so fühlt es sich bei mir auch an. Irgendwo an der 10-Stunden-Marke, der gefühlten Hälfte, ist aus diesem Golfball bei mir mächtig die Luft raus.

Die Idee ist richtig gut, aber die Umsetzung stolpert über Kleinigkeiten. Mehr Abwechslung bei den Levels, weniger leeres Geschwalle, ein weiterer Bildausschnitt und das hier wäre ein Hit gewesen. Ich habe es noch nicht abgeschrieben, ich werde es noch ein paar Mal spielen; aber das ist wohl nicht mein Golfplatz.

Fazit

Punkte: 68

Jan Bojaryn

Jan Bojaryn schreibt für Tageszeitungen und Kulturzeitschriften über Videospiele und vergleichbar wichtige Themen.

Cursed to Golf startet mit zündenden Ideen und einer souveränen Präsentation, bekommt aber schon beim ersten Abschlag einen schlimmen Wadenkrampf.

Cursed to Golf

Tod durch Bogey

Höhe in Disketten
7,15 m
Spieltiefe
48 bar
Ist das noch Indie?
72%
Gewalt
0,2 Doom
Eleganz
4,7
Metascore-Abweichung
-15

3 Kommentare


Kommentare

  1. Avatar for Jagoda Jagoda says:

    Mini Golf Toddler GIF

  2. Danke für dein Review, ich habe Golf Story sehr gemocht und bei What the Golf viel gelacht und mich über die Ideen gefreut, was man aus dem Golfspiel machen kann.

    Das klingt hier jetzt leider so, dass Cursed to Golf nicht alles aus seiner Idee raus holen konnte.

    Und am Ende kann ich es nicht mehr hören, das jedes Spiel ein Roguelite sein will. Da reicht meine Frustgrenze dann nicht aus, um mich zig mal durch die Kurse zu kloppen.

  3. Avatar for Lyra Lyra says:

    Schönes Review wie immer! :slight_smile:

    Ansonsten fand ich Golf Club Wasteland auch sehr cool, da liegt die ironische Auseinandersetzung mit dem Thema Golf aber eher in der Story als im Gameplay an sich. Wurde ja auch im Beitrag Das Ende der Zukunft schon kurz erwähnt.

    Versteh ich auch nicht.

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