Warum der F1 Manager deutscher sein müsste

...und mehr wie Günther Steiner

Ich wollte den F1 Manager 2022 lieben… aber dann bin ich in endlosen Schachtelmenüs verloren gegangen.

F1 Manager 2022 Sport-Simulation

Plattformen
PC, PS4, PS5, Xbox One, Xbox Series
Release
30.08.2022
Entwickler
Frontier Developments
Publisher
Frontier Developments
USK
ab 0
Links
Offizielle Seite

Woran ich merke, dass es bis hierhin ein echt schwaches Spielejahr ist? Für einen kurzen Moment, dachte ich wirklich, dass der F1 Manager 2022 mein persönliches Spiel des Jahres werden könnte. In heißen Sommernächten habe ich wachgelegen und mich in die Boxengasse nach Monza geträumt. Sich einmal wie Ross Brawn fühlen, der 1998 mit seiner genialen 3-Stopp-Strategie, die Scuderia Ferrari zum Sieg führte. Einmal im Leben mit Autos Schach spielen, geschickt Reifen auswählen, Schäden an der Vorderachse vorbeugen, Stall-Orders durchsetzen und im entscheidenden Moment alles aus dem Team rausholen. 

Was uns das offizielle Bildmaterial verspricht…

F1 Manager 2022 ist so ziemlich das genaue Gegenteil von “Drive to Survive”

So viel zum Traum. Aber leider zwingt der F1 Managers 2022 mich, der Realität ins Auge zu sehen: Wenn der Bildschirm sich beim Laden schwarz färbt und ich mein Spiegelbild sehe, sitzt da kein Ross Brawn, sondern ein trauriger Mittdreißiger, der statt wirklich dramatische Team-Entscheidungen zu treffen, teilnahmslos vor sich hinklickt. Denn der F1 Manager 2022 ist in seinen schlechten Momenten so spannend wie ein Excel-Kurs an der Volkshochschule. 

Günther Steiner – bedingt zufrieden.
Bild: Steve from Austin, TX, USA, CC BY-SA 2.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0

Aber von vorne. Zu Beginn des Spiels darf ich mir einen Rennstall aussuchen – ich entscheide mich NATÜRLICH für Haas F1. Das ist so ziemlich der loserigste Verein in der Formel 1 und deshalb natürlich auch der sympathischste – das 1860 München oder der FC St Pauli des Motorsports. Und Haas F1 haben in der Realität einen der besten Teamchefs, die man sich nur vorstellen kann: Günther Steiner.

In der genialen F1-Netflix-Doku “Drive to Survive” sieht man Günther oft, wie er fluchend von einer Box zur anderen läuft, ein Mann ohne jegliches Pokerface, dafür aber mit Benzin im Blut. Überhaupt ist die Netflix-Doku einer der Gründe, warum ich mich so auf dieses verdammte Spiel gefreut habe. Die Macher:innen schaffen es tatsächlich aus dem augenscheinlich langweiligsten Sport der Welt – 20 Männer fahren 50 Runden im Kreis – eine nervenaufreibende Geschichte zu spinnen. Eine Story mit menschlichen Dramen, Übernahmeschlachten, ausrastenden Team-Chefs und Millionen-Deals. “Drive to Survive” erzählt Geschichten, presst das schnöde Im-Kreis-Fahren bis aufs Letzte aus, um etwas zu sagen zu haben. 

F1 Manager 2022 ist so ziemlich das genaue Gegenteil von “Drive to Survive”. Es folgt den Sportsimulationen britischer Schule, wo so ziemlich jede Radmutter eines F1-Wagens simuliert wird, aber keine einzige Sekunde an Zwischenmenschliches verschwendet wird. Das ist bitter. In Fußballsimulationen gab es ja lange den Gegensatz zwischen den Alles-Simulierern wie dem Sega Football Manager aus Großbritannien und der “Ach, so genau brauchen wir das nicht”-Konkurrenz aus Deutschland. Hier hat vor allen Dingen die Anstoß-Serie es geschafft auch die bunten, absurden und emotionalen Seiten des Sports zu zeigen. Der F1 Manager 2022 ist hier durch und durch britisch: Statt mich wie der echte Günther Steiner fühlen zu können, der halt auch mal für Aldi Süd Werbung machen muss, wenn die Kohle knapp wird und sich erst dieses Jahr von einem russischen Oligarchen als Hauptsponsor trennen musste, ist MEIN Günther Steiner ein anonymer Zahlenschubser. 

Und wieder und wieder und wieder

Die Grundspielmechanik ist dabei immer gleich: Vor dem Rennen wird das Auto optimiert, neue Teile erforscht und der Wagen ein bisschen in den Windkanal gefahren. Dann folgt das Rennwochenende, bei dem ich vom freien Training bis zum Rennen alles ganz genau nachspielen kann. Wobei: das Nachspielen sieht dann eher so aus, dass ich drei Faktoren live verändern kann: Reifenabrieb (wie hart geht mein Auto in die Kurven), Spritverbrauch (wie schnell beschleunige ich) und ERS, eine Art Extra-Elektrobatterie, die durch die Bremswirkung aufgeladen wird und im entscheidenden Moment Extra-Boost geben kann. Sind meine Reifen am Ende, muss ich in die Box – aber wirklich strategisches Kalkül braucht man hierfür nicht. Nach dem Rennen geht dann alles wieder von vorne los. Und wieder und wieder und wieder. Eine nie aufhörende Schleife von kleinen Mini-Verbesserungen, die dazu führen, dass Haas F1 irgendwann auf dem Treppchen steht. 

Low Speed – Medium Speed – High Speed – Top Speed – schwere Entscheidung.

Das Spielprinzip ist “Atomic Habits – The Video Game”. Das Selbsthilfebuch “Atomic Habits” darf gerade in keinem Yoga-Studio und keiner süßen Buchhandlung fehlen. Die Kernbotschaft: Du musst dein Leben nur ein ganz kleines bisschen, dafür aber sehr stetig verändern – dann wird alles gut. Das mag ja sein, aber so entsteht doch kein spannendes Spiel. Ich will Drama, Baby, und keine CFD-MAU-Stunden. 

Midjourney: Günther Steiner looking angry. Wir: Sad.

Aber ganz ehrlich: Ich glaube da draußen gibt es genug Leute, die CFD-MAU-Stunden (was auch immer das ist) wollen. Für mich heißt es aber: „Bis nächstes Jahr, F1 Manager.“

Fazit

Punkte: 60

Christian Alt

Journalist, Autor, macht Podcasts bei „Kugel und Niere“

Das Spiel hat eine “größtenteils positiv” auf Steam und passt perfekt für ein Horst-Seehofer-Modelleisenbahn-Publikum, aber ich… ich träume weiterhin von der 3-Stopp-Strategie und Ross Brawn.

F1 Manager 2022

Raus aus dem Cockpit und rein in den Manager-Sessel!

Höhe in Disketten
64,01 m
Spieltiefe
600 bar
Ist das noch Indie?
70%
Gewalt
0,01 Doom
Eleganz
2
Metascore-Abweichung
-19

9 Kommentare


Kommentare

  1. Avatar for VfBFan VfBFan says:

    Den inoffiziellen Spieltiefe-Skala-Maximalwert gleich mal um das 6-fache überschritten. :+1:t2:

    Wo ist die Dumm-Schlau-Skala abgeblieben? :disappointed_relieved:

  2. Avatar for Sonja Sonja says:

    Toto Wolff F1 GIF by Formula 1

  3. Avatar for Stasya Stasya says:

    Hm. Klingt hier ja doch sehr… Langweilig? Och menno, dabei hatte ich da wirklich Lust drauf, eben weil es Management und nicht selber Rennen fahren ist.
    Mal gucken, vielleicht irgendwann im Sale :wink:

  4. Avatar for lnhh lnhh says:

    Finde das Spiel deutlich besser als der Alt. Es hat in der Simulation noch einige Problemchen, aber es wird gepatched. Ende September soll ein Fix fuer das Fuelmanagement sowie weiteres kommen.

    Alles in allem ist das ganze aber erstmal eine wirklich starke Basis fuer folge Manager der nächsten Jahre. Ich hoffe, dass 2022 erfolgreich genug war und das Ding hier zur Serie wird.

  5. Avatar for KaFour KaFour says:

    Auch wenn ich mit Formel 1 so gar nix anfangen kann (und mit Management-Simulations-Spielen ebenso nix): es hat mich mich gefreut, bei Wasted mal wieder ein Spiele-Review zu lesen. Streng subjektive Reviews verbunden mit einem Schuss Wasted-Anarchie sind für mich irgendwie doch die Königsdisziplin für eine Spiele-Magazin.

    Cool fand ich auch, dass das Thema Formel 1 offenbar sowohl @Sonja als auch @Stasya zu Posts bewegt. Hätte ich vorher ehrlicherweise eher nicht vermutet. Das muss an meinen verknöcherten Boomer-Geschlechter-Stereotypen liegen… Ich geh jetzt zur Strafe dafür eine Runde Sims Barbie Dreamhouse spielen :slight_smile:

    Frei nach Ronald Reagan:
    Mr Gorbatschow, tear down this Geschlechter-Klischees. Yay!

  6. Avatar for Stasya Stasya says:

    Oh, ich liebte Formel 1 als Kind/Teenie :joy: freue mich bis heute bei „Hooked FM“ immer auf „Robins famoses Formel 1-Fest“ am Ende. Selber schauen mach ich nicht mehr, hat sich so verlaufen mit den Jahren. Ich war sogar schon auf Rennstrecken, allerdings nie an Renntagen, höchstens mal Training. (Aus umwelttechnischer Sicht natürlich Katastrophe und über patriarchalische Systeme brauchen wir auch nicht reden.)

    PS: bei mir ist jegliches Rollenbild eh seit jeher zwecklos :joy: ich könnte jetzt mit der „ich bin zwar weiblich gelesen, aber non-binär“-Keule kommen, aber… Ne, keine Lust :stuck_out_tongue_winking_eye: vielleicht sollte ich mir mal einen neutralen Nickname zulegen :thinking: aber es kennt mich halt überall jeder unter dem Namen meines Pferdes. Hmpf.

  7. Avatar for Sonja Sonja says:

    Oh ja, Formel 1 mag ich ziemlich genau seit 1997. Damals war ich so begeistert, dass ich sogar mit einer Freundin in ein Internet-Café gegangen bin (zuhause gabs noch kein Internet), weil da irgendwo Jacques Villeneuve in einem Live-Chat war und User-Fragen beantwortet hat :laughing: Irgendwann (viel später) war ich auch mal bei einem Grand Prix, aber ich kann mich merkwürdigerweise nicht mehr erinnern, ob das Hockenheim oder Nürburgring war :face_with_raised_eyebrow:. War aber eh nicht so super, ich weiß noch, dass ich die Autos nur aus weiter, weiter Ferne sehen konnte und kaum was vom Rennverlauf mitbekam. (Bei der DTM war ich dafür ziemlich oft und gerne vor Ort, weil die auch in meiner Heimatstadt fährt, aber die hat mich als Rennserie nie so gereizt …)

    Habe dann über die Jahre nicht jede Saison mit der gleichen Aufmerksamkeit verfolgt, aber aktuell bin ich wieder voll drin, diese und letzte Saison habe ich glaub ich kein Rennen verpasst. Und gerade höre ich sehr gerne diesen neuen Podcast, in dem ein sympathisches Duo, Jeanne Hruska und Buzz Scherr, die sonst irgendwo im politischen Bereich arbeiten, über die Formel 1 quatschen, aus amerikanischer Perspektive wohlgemerkt:

    Jedenfalls hatte ich schon mehr als ein Auge auf den F1 Manager geworfen und bin nun ein bisschen traurig, dass er wohl wirklich nichts für mich ist; ich hatte schon viel Kritisches von einem Freund gehört und der Artikel von Christian bestätigt das im Wesentlichen auch. Schade!

Setze die Diskussion fort auf community.wasted.de

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