Ruhe, jetzt!

Preisbremse für Bewusstseinsströme

Ruhe jetzt. Das Jahresende sei eine Zeit für Besinnung, haben sie gesagt. Eine Zeit für Müßiggang und innere Einkehr. Für die Dinge, die man das ganze Jahr über hat aufschieben müssen. Ich starre auf meine Gamesbibliothek und bin mir nicht sicher, ob ein Haufen Arbeit oder ein Haufen Spaß vor mir liegt.

Zeit hätte ich, sagt mir meine leere Todo-Liste. Wow, Ende Dezember und der Baum brennt nicht. Also, er brennt schon, nur halt außerhalb meiner vier Wände und solange das Feuer wärmt, is this fine. Alleine auf der Couch kann niemand Dein Augenrollen sehen und warum sollte ich die Zeit nicht mit etwas zweckfreiem verbringen, das Seele und Hirn füttert. Ich gehe zum Kühlschrank aber finde nichts, was meinen Appetit anspricht. Vielleicht später. 

Ende Dezember und der Baum brennt nicht

Obwohl ich den Begriff „Gaming-Backlog“ verachte, habe ich über die letzten Monate einen aufgebaut. Große Spiele, kleine Spiele, Triple-As und Indies grinsen mich provokant mit ihren Coverbildern an. Unerträglich. So muss sich FOMO anfühlen, denke ich, während das letzte Update zu Cyberpunk 2077 lädt, in das ich irgendwann im August dreißig Minuten Spielzeit investiert hatte. Keanu Reeves soll ja drin vorkommen, den mag jeder über 35. Ich kann es kaum erwarten, mit Johnny Silverhand und Vince Wonderfist (einen der Namen hab ich mir ausgedacht) auf futuristischen Straßen unterwegs zu sein. 

Wobei, kurze Unterbrechung, Stichwort Updates. Meine Switch hatte schon lange keinen Strom mehr, vielleicht gibt es ja neue Strecken bei Mario Kart 8? Seitdem Nintendo seinem Ewigkeitsracer so etwas wie Live-Service spendiert hat, kann ich mich hier alle paar Monate neu über die schlechte Streckenauswahl freuen. Oh, eine Mario Strikers Demo? Zum Einkaufskorb hinzufügen. 

Verstörender als jedes Uncanny Valley: Das Brandenburger Tor ist im aktuellen DLC von Mario Kart 8 Teil der Strecke „Berlin Byways“
(© Nintendo Co., Ltd)

Der Ladebalken wächst linear zu meiner Ungeduld. Ruhig, Brauner, warum fährst Du nicht den PC hoch und schaust Dir an, ob Steam Deine Wunschliste vergünstigt hat? Ich drücke den Knopf am Gehäuse und gehe zum Kühlschrank. Hab ich den vorhin nicht schonmal geöffnet? Hier hat sich, natürlich, immer noch nichts getan. Dafür will Windows meine Aufmerksamkeit. Ob ich denn nach dem letzten Update jetzt endlich mal meine Cloud einrichten wollen würde. Nein will ich jetzt nicht und auch nicht nach dem nächsten und auch nicht nach dem übernächsten Update. Ich schreibe in Gedanken einen Brief an Steve Palmer, Bill Gates in CC.

Der Steamsale ärgert mich mit Spielen, die ich schon auf anderen Plattformen habe. „Would you kindly?“ schießt es mir durch den Kopf! Bioshock! Das könnte ich ja mal wieder – Moment, warum ist das nicht in meine Bibliothek? Ich schenke Gabe Newell einen sauer erarbeiteten Fünfer und wechsle zu den Downloads. Na das kann dauern.

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Ich mache den Kühlschrank auf, ich mache den Kühlschrank zu. Ich denke an Pizza, dann an Sushi. Vielleicht ist meine Switch ready to go, bis ich eine Entscheidung treffen kann. Aber eigentlich warte ich ja auf Cyberpunk, da hört man ja fast nur Gutes drüber in letzter Zeit. Doch die PS5 lädt noch. Bevor ich mich in neuen Games verheddere, versuche ich mich an meinen letzten S-Ranks in Thumper. 

Geile Mucke, Wahnsinnstempo, Boom!, ich scheitere in der Ekstase. Kühlschrank auf, Kühlschrank zu. Ruhe jetzt! Irgendwann erledigt sich das mit dem Hunger von selbst. Cyberpunk ist endlich fertig geladen. Da essen sie auch nichts. Ich sitze mit dem Hauptcharakter V in einer Bar, höre mir elend lange Gaming-Dialoge an und erinnere mich, warum ich hier vor Monaten habe aufgehört zu spielen. Wenn der Schwierigkeits-Spike bei Elden Ring im Endgame mich nicht so zerficken würde, könnte ich jetzt gegen Morgott… Margit… Mildred… Homebutton, zwei mal nach rechts und – scheiße, ich wollte Deathloop doch nochmal eine Chance geben. Der Stil ist doch so chic und die Prämisse so clever. 

Ich habe Hunger. Vielleicht einen Lieferdienst bemühen (haha, unbestimmter Artikel, als ob es keinen Monopolisten gäbe!), weiß nicht, erstmal ein bisschen runterkommen. Ich flitze mit Lakitu, den ich als Kind immer Likatu genannt habe (oder umgekehrt) in einem Turnschuh-Kart durch Berlin. Wie soll mich das beruhigen, denke ich, als mich die East-Side-Gallery mit Thwomps bewirft, und schalte den Fernseher aus und wieder an, ohne das groß zu hinterfragen. Jetzt ist auch egal. 

Kühlschrank auf, Kühlschrank zu. Ruhe jetzt! Irgendwann erledigt sich das mit dem Hunger von selbst.

Mein Magen grummelt. Ruhe! Hunger! Das eine will ich, das andere hab ich. Umgekehrt wär’s schöner. Ich mache den Kühlschrank auf und greife zum Bier. Ist ja auch irgendwie was zu Essen. Betrunken durch Rapture zu torkeln ist keine gute Idee. Besonders nicht auf erhöhtem Schwierigkeitsgrad. War das wirklich so gescriptet, diese ganzen Gaming-History-Momente, die Bioshock geschrieben haben will? Hab ich das damals nur nicht bemerkt? Vielleicht wäre Deus Ex doch die bessere Wahl gewesen, denke ich, als ich das erste Hacking-Mini-Game versemmel.

Mirko Lemme

Macht das mit Medien, meist Code für Webseiten. Gleicht seine Bildschirmarbeit mit Bildschirmfreizeit aus und schreibt über beides, wenn man ihn fragt (darüber reden hingegen geschieht eher ungefragt).

Fast Mitternacht, mein Magen ist leer, mein Hirn in Stasis. Stasis? Breath of the Wild? Vergiss es, wo sollte ich da anknüpfen? Für A Short Hike habe ich keine Muße, Returnal ist mir zu hektisch, Ragnarök zu teuer und auf Overcooked 2 habe ich ohne meine Freundin keine Lust.

Ich bin müde. YouTube erzählt mir, was für ein entspanntes Hobby Videospielen sei, aber es lügt. Gaming ist eine ernste Angelegenheit. Schon vor dem Spiel wollen Entscheidungen gut überlegt sein. Jörg Draeger fragt mich in meiner Fantasie ob ich Tor 1 oder den roten Umschlag nehme. Ich schwitze, das Publikum ruft wild Metakritiken in den Saal. Ich will ins Bett. Mein Backlog lacht mich triumphierend aus, als ich meine Switch aus dem Dock nehme und gen Schlafzimmer schlurfe. In den nächsten Tagen wird sie mich daran erinnern, dass ich die beste Gamingzeit des Jahres in Entscheidungsparalyse verbringe. Morgen ist das Jahr fast vorbei. Diese ganze Ruhe tut mir nicht gut. 

5 Kommentare


Kommentare

  1. Avatar for kkuez kkuez says:

    Schön noch einen Text zu kriegen diesen Monat :slight_smile:
    Klingt als würde sichj der Autor Druck machen, irgendwas spielen zu MÜSSEN. Läuft doch dem Gedanken des Spielens, wenn man nciht davon abhängig, ziemlich zuwider :stuck_out_tongue:
    Wenn man kein Bock hat, muss man ja nicht!

    Mein Pile of Shame ist nicht wirklich groß, hab immer so ein, zwei Spiele die ich vor mir herschiebe, aber wenn ich mal bemerke dass ich noch viel vor mir habe, dann nur, wenn ich zu MP-Spielen eingeladen weirde, um daraufhin dankend absagen zu können.

  2. youtube falling GIF by SoulPancake

    Können wir die Begriffe Pile of Shame und Gaming-Backlog nun bitte streichen? (vgl. auch Adventskalendertürchen Nr. 16 von @KaFour)

    Toller Text, @Mirko.

  3. Ja, man muss ja nicht und stresst sich nur selbst …

    Mir geht es aber genau so. Abends, wenn Frau und Kind schlafen und ich noch etwas Zeit für mich habe sitze ich mit Laptop auf dem Sofa und freue mich, dass ich n bisschen zocken kann. Nach einigen Minuten Überlegung starte ich ein Spiel, welches ich nach kurzer Zeit wieder beende. Ich überlege worauf ich mehr lust habe und beende das nächste Spiel sobald das Hauptmenü geladen ist bei dem Gedanken an welcher Stelle ich aufgehört hatte.
    Das eine Spiel ist mir grad zu kompliziert, das nächste lohnt ja nicht fürn Stündchen, und das übernächste hatt ich ja schonmal angefangen - müsste aber jetzt evtl neu starten um wieder reinzukommen, … zwischendurch starte ich noch den Download irgendeines alten Spiels was ja immer geht und wo ich eh schon 100 Std. zuviel reingesteckt habe, breche aber bei 50% ab weil ich grad doch darauf irgendwie kein Bock hab.
    Dann starr ich auf meine Steam Bibliothek, scroll meine Wunschliste durch, schau was es sonst so zu kaufen gibt - Überraschung: keine Überraschungen, nichts neues seit gestern.
    Am Ende werf ich den Fernseher an, schaue einen alten Bond Film und spiel nebenbei Bejeweled oder Dorfromantik auf dem teuren neuen Gaming Laptop (das musste ja her, weil neben Kind weniger Zeit zum zocken bleibt und die Zeit dann nicht mit geruckel und Ladezeiten verplempert wird und ganz sicher alles läuft worauf ich Lust haben könnte).

  4. Wie wahr! Es gibt einfach diese Abende, an denen man viel zu müde ist, um ein neues Spiel zu beginnen. Oder man hat gerade ein extrem gutes Spiel beendet und hat einfach keinen Bock auf irgendein anderes neues Spiel. Aber eigentlich verdient ein gutes Spiel auch deine volle Aufmerksamkeit. Wenn man die nicht aufbringen kann, sollte man auch die Finger davon lassen, sonst wäre es zu schade um das Spiel.
    In diesem Sinne - ich beende jetzt auch GoG und schaue (zum xten Male) die Fernsehserien, die ich genau für solche Momente aufbewahrt habe :wink:
    PS: Gaming Laptop ist sicher ne gute Entscheidung!

  5. Ich kann den Autor und auch @bormioli gut verstehen. Mir geht es sehr oft sehr genau so. Ich habe lange Zeit nicht einmal bemerkt, dass mich dieses Überangebot von allem unruhig macht oder sogar stresst. Und ich beziehe mich jetzt ganz bewusst nicht nur auf die Steam-Bibliothek, sondern meine das ganz allgemein. Das hat @Mirko mit dem Kühlschrank-Bild ja sehr schön dargestellt, finde ich. Diese Unruhe oder die Unfähigkeit, sich entscheiden und auf eine Sache konzentrieren zu können, hört ja nicht unbedingt auf, sobald der PC aus ist.

    Ich glaube auch, dass es sehr vielen Menschen so geht, viele das aber (wie ich) nicht einmal richtig bemerken. Ständig Smartphone, ständig Informationen. Mit Spielen wird man zugeschissen, Musik ist häppchenweise nur einen Klick entfernt, Serien werden durchgebingt und Bücher … tonnenweise vorhanden, doch leider keine Zeit und sorry, Konzentration schon mal gar nicht, für etwas, das unsere Aufmerksamkeit mehr als 10 Minuten fordert (Danke, YouTube!).

    Ich müsste jetzt irrsinnig weit ausholen und käme ohne Gesellschaftskritik und dem Wort Überwachungskapitalismus nicht aus. Aber - surprise - das ist mir gerade zu anstrengend. Doch was ist merke: seitdem ich vermehrt gezielt nur noch Spiele kaufe und auf Dinge wie den Gamepass verzichte (und ja, ich weiß wie beliebt der ist, für mich ist das Teil für unser Hobby aber eine Katastrophe), seitdem in Vinyls plus MP3-Codes kaufe und Spotify deinstalliert habe, seitdem ich eine gedruckte Tageszeitung lese statt alle dreieinhalb Minutes Newsfeeds, seitdem fühle ich mich besser. Ruhiger, ausgeglichener und ich kann mich öfter länger auf Dinge fokussieren.

    Das alles ist trotzdem noch ein Kampf (Hat hier jemand Entzug gesagt!?), aber es lohnt sich. Denn langsam habe ich das Gefühl, dass am Ende dann wirklich jetzt Ruhe ist.

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