Alt und Wütend: Ein Pro & Contra zu süßen Tieren in Videospielen

Flausch & Flammenwerfer: Diese Kombination treffen wir in Spielen immer häufiger an. Der Trend geht eindeutig zum süßen Tier, das sich waffenstarrend Respekt verschafft. Aber muss das sein?

In der WASD stritten sie über die Sinnhaftigkeit von Feuerbällen, Eis-Level und das Speichern von Spielständen. Jetzt streiten Christian Alt und Christian Schiffer auf WASTED weiter. Diesmal geht’s um die Frage, ob Pelz und Panzerfaust wirklich zusammengehören.

Pro

Leute, wir brauchen dringend mehr Oxytocin! Gerade jetzt, wo es dunkel wird und kalt und wir uns in die vierte Corona-Welle hineingearschbombt haben. Wir brauchen mehr von diesem Glückshormon, das unter anderem dann entsteht, wenn Mütter mit ihren Babys rumkuscheln. Die Frage ist nur: Wie kommen wir da ran, wenn gerade kein pausbäckiger Nachwuchs in Griffweite ist und die letzte Kuschelparty irgendwann um das Jahr 2012 herum stattgefunden hat?

Es gibt leider viel zu viele falsche Antworten auf diese Frage. Eine davon lautet: Wir tun einfach mal so, als wären Tiere kleine, süße Menschen. Dabei sind in der Realität Tiere Tiere und Menschen Menschen.

Map oder Oxytocin?

„Homo puppy“ nennt der Historiker Rutger Bregman die Spezies Mensch in seinem Buch „Im Grund gut“. Einer seiner Thesen: Die Evolution hat uns zu sozialen Wesen geformt und das sieht man auch an unserem Gesicht. Als einzige Primaten haben wir keine dunklen, sondern weiße Augen rund um die Pupillen, so dass immer klar ist, wohin wir blicken. Auch unsere Augenbrauen oder dass wir erröten, verrät unsere Emotionen. Bei Tieren ist das anders. Und trotzdem interpretieren wir in Tiere Emotionen hinein, die gar nicht da sind. Wir denken: „Ach, kuckmal, wie der süße Hund da gerade vergnügt lacht!“ Dabei denkt sich der Hund vielleicht nur: „Lass mich in Ruhe, Du Wichser!

Deswegen werden auf Instagram Tiere dauernd anthropomorphisiert, als gäbe es kein Morgen mehr. Es werden kleine Hunde in Babyklamotten gesteckt, winzige Igel ihrer natürlichen Umgebung entrissen und vors iPhone gehalten oder Katzen so lange qualgezüchtet, bis sie endlich niedlich aus einer Kaffeetasse oder einem Wäschekorb lugen können.

Aber gottseidank gibt es ja Computerspiele. Hier ballern uns süße Tiere aus ihren Glubschaugen mit Oxytocin zu, während sie gleichzeitig ihre Gegner mit Blei aus ihrer Uzi zuballern. Hier können Tiere endlich zu süßen Menschen werden, nur eben mit Pelz, Flausch, Stupsnäschen und einem mit Stacheldraht umwickelten Baseballschläger in der Kuschelweich-Pfote. Hier können wir unsere tägliche Dosis Oxytocin abholen und zwar ohne, dass dafür ein echter Zwergspitz in einen Strampelanzug gestopft werden muss.  

Deswegen ein klares Ja zum süßen Tier im Computerspiel. Nicht nur, weil es süß ist, sondern weil uns diese Süße mit Durchsetzungskraft vereint. Ein süßes Tier im Computerspiel ist das personifizierte Gute, das sich nicht abschlachten lässt, sondern dem Bösen mal ordentlich eine ins Fressbrett schmiert. Ach, wäre das in der Realität doch auch so, dann bräuchten wir auch weniger Oxytocin.

Contra

In der grauen Gaming-Vorzeit (also so gefühlt 2009) waren Computerspiele wie ein Axe Bodyspray: Der beste Videospielcharakter der Welt hieß nicht Mario, sondern Captain John Price, 30% jeder Spielepackung waren für den Bizeps unserer Hauptfigur reserviert und Texturen so graubraun wie unser Leben. Die Welt, sie roch nach Benzin, schwitzigen Hoden und Moschus.

Wer jetzt denkt, dass ich in diese Welt zurück will: Fuck, no!

Ich liebe unsere heutige bunte Spielewelt, in der ich morgens bei Candy Crush Zuckerbomben zünde, mir in der Mittagspause die Thirst Traps von Hades gebe und abends versuche, bei Factorio endlich diesen einen Spinnenroboter zu bauen, den ich bei Reddit gesehen hab. Aber eine Sache stört mich dann doch: süße Tiere.

Ich weiß nicht genau, wann es passiert ist, aber seit kurzem stecken in jedem verfickten Indiespiel süße Tiere drin. Zum Beispiel wäre da F.I.S.T Forged in Shadow Torch (übrigens gaaanz weit oben auf meiner Shitlist für den dümmsten Spieletitel 2021). In F.I.S.T spielen wir einen putzigen weißen Hasen mit langen Schlappohren, der sich im Metroidvania-Stil, bewaffnet mit einer riesigen Faust, durch eine Cyberpunk-Welt kämpft. Ich mein… geht’s noch? F.I.S.T fühlt sich so an, als hätte ein 13-jähriger entdeckt, dass er bei der Pizzeria um die Ecke auch eine Wunschpizza kreieren kann: „Ja…also ich hätte dann gerne eine Salami-Ananas-Rucola-Gorgonzola-Pizza mit Trüffelöl und viel scharf.“

F.I.S.T: Fulminant Irrelevantes Spiel mit Tier

Süße Tiere sind der Rucola des Gamings

Das Spiel kloppt einfach alle Trends der letzten Jahre zusammen und schafft sogar trotz denkbar google-gefährlichem Titel Wertungen im hohen 80er-Bereich. Süße Tiere sind dabei der Rucola des Gamings – irgendwann war der auch auf jeder noch so langweiligen Vapiano-Pizza drauf und niemand weiß wieso.  Das einzige, was bei F.I.S.T noch fehlen würde, wäre „Noir“ – auch so ein Ding, das komplett nervt. Vor 10 Jahren war alles dark and gritty – heute regiert ist die traurige Ausweglosigkeit des Film Noir zurück. Zum Beispiel in „Blacksad: Under the skin“, ein Spiel, in dem ein Katzendetektiv einen Korruptionsskandal aufdeckt. Und wer keinen Bock hat, einen Katzendetektiv zu spielen, kann in „Backbone“ in das Fell des Waschbär-Detektivs Howard Lotor schlüpfen, der – Achtung: Wunschpizza-Alarm – im Pixellook, Post-Noir-Abenteuer bestreitet.

Fox Mulder und Justin Biber

Ich frag mich ein bisschen, ob all diese Spiele Teil eines großen Trends sind. Gaming hatte und hat (!) so lange Probleme mit Toxic Masculinity, vollkommenen idiotischen Captain-Price-Männerbildern und Armee-Kitsch, das wir gemeinsam beschlossen haben: „So, jetzt mal Schluss hier mit diesem nach Flips und Monster Energy Drink stinkenden Rülps der Kultur – wir machen jetzt alles anders.“ Und in diesem Prozess haben wir das Pendel einmal zu stark angestoßen und sind auf der gegenüberliegenden Seite rausgekommen. Was früher die „Rule of Cool“ war, was so viel bedeutet wie „Wenn’s cool ist, darf’s ins Spiel, egal ob es passt oder nicht“, ist heute die „Rule of Cute“. Wenn’s süß ist, muss es ins Spiel. Ich glaube, wir sollten genug Selbstvertrauen haben, um zu sagen: „Hey, ein Cyberpunkt-Metroidvania mit Riesenfäusten braucht gar keinen Hasen, um cool zu sein. Nur einen besseren Titel.“ Den hat „F.I.S.T – Das Spiel mit der Riesenfaust“ schon verdient.  

20 Kommentare


Kommentare

  1. Ganz, ganz klar Team Alt. Du schreibst mir aus der Seele, lieber @altf4 !

    Aaaaber: Weshalb ist denn die Abstimmung schon wieder anonym?

  2. Avatar for Fabu Fabu says:

    Ich wusste gar nicht, dass es dafür eine Option gibt, haha.

  3. Schiffer hat natürlich recht.

  4. Für nicht anonyme Abstimmungen? Also im LGS Discourse gab es das… Jetzt wohl nicht mehr?

  5. Salami-Ananas-Rucola-Gorgonzola-Pizza mit Trüffelöl und viel scharf

    Ich opfere mich fürs Team

  6. Avatar for Fabu Fabu says:

    Da ich dort nicht aktiv war, war mir das nicht bewusst. Und ich wusste auch nicht, dass es Optionen für sichtbar/anonym gibt. Aber jetzt weiß ich es. :wink:

  7. Das war sogar ein zentrales Element aller Abstimmungen! Wie sollte man sollst die Anhänger der jeweils anderen (natürlich falschen) Seite ordentlich diffamieren? :smiling_imp:

  8. Avatar for Simon Simon says:

    Team Alt - no questions about it.

    psst - @sofakissen hat doch schon erklärt, dass das an der Forensoftware liegt, die ein „Update“ hatte.

    Comedy Central Lol GIF by The Jim Jefferies Show

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