Wir entscheiden Kriege, wir besiegen das Böse, wir retten die Welt. In Computerspielen dreht sich immer alles nur um uns. Muss das sein?

Hätten die Nazis gewusst, welcher Supersoldat dort am PlayStation-Controller sitzt, hätten sie es sich womöglich nochmal überlegt mit der Einnahme von Stalingrad. In Call of Duty: Vanguard befreie ich die Stadt mit Hilfe meines Schafschützengewehrs quasi im Alleingang und das Spiel lässt daraufhin keinen Zweifel an meiner historischen Bedeutung. Ich hätte „Stalingrad vor dem Abgrund gerettet“ und so dafür gesorgt, dass die Russen wieder den Glauben an sich selbst gefunden hätten, um in die Offensive zu gehen. Ich hätte „den Verlauf des Krieges“ verändert.

Nach dem Spielen von Call of Duty: Vanguard kann man sich durchaus die Frage stellen, warum eigentlich Millionen Soldaten die Nazis niederringen musste, wenn doch auch ein einziger Schiffer gereicht hätte.

Hybris trifft auf Hitbox

Das ist eine beachtliche Leistungsbilanz für jemanden, der im Real Life noch nie eine Waffe abgefeuert hat. Noch beachtlicher erscheint sie, wenn man weiß, dass ich in Call of Duty: Vanguard nicht nur den Krieg im Osten entschieden, sondern nur eine gute Stunde vorher zudem die erfolgreiche Landung der Alliierten in der Normandie eingeleitet habe. Ja, schon klar, das Ganze ist ein Computerspiel und ein Computerspiel ist keine arte-Geschichtsdoku. Und vor allem: In einem Computerspiel sind wir nun einmal gerne die Held*innen und stehen im Mittelpunkt. Aber genau das ist Teil des Problems. Hybris trifft auf Hitbox.

Die vierte Kränkung

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Sigmund Freud hat das Konzept der drei Kränkungen der Menschheit entwickelt.

Kränkung Nr. 1: Die Entdeckung, wonach der Mensch nicht wie angenommen Mittelpunkt des Weltalls ist. Kränkung Nr. 2: Darwins Evolutionstheorie, die zeigte, dass der Mensch gar nicht so besonders ist, sondern vom Tier abstammt. Kränkung Nr. 3: Die Existenz des Über-Ichs, die Freud selbst entdeckt hatte. Der Mensch hat also gar nicht so viel Kontrolle über seine Gedanken, wie er das gerne hätte. Für uns, die wir Computerspiele lieben, kommt dann bisweilen Kränkung Nr. 4 hinzu, etwa, wenn wir in einem MMORPG bei einem Questgeber Schlange anstehen müssen, wie beim Aldi. Dann stellen wir fest: Huch, wir sind ja gar nicht der Mittelpunkt der Welt, sondern nur einer von vielen Tausenden Mittelpunkten! Es ist ein bisschen wie im Film Her, in dem sich der Hauptdarsteller in eine künstliche Intelligenz verliebt und dann feststellen muss, dass diese künstliche Intelligenz gleichzeitig mit zehntausenden anderen Männern spricht, denen sie ebenfalls den Kopf verdreht hat.

Geht’s nicht auch eine Nummer kleiner?

Genau wie die KI aus „Her“ versuchen uns Computerspiele das Gefühl zu geben, alles würde sich um uns drehen. Es geht hierbei auch um „Agency“ und um das, was die Psychologie „Selbstwirksamkeit“ nennt. Wir wollen, dass unser Handeln Folgen hat und vielleicht kann es da dann tröstlich sein zu wissen, dass eine halbstündige, überaus langweilige und monotone Ballerei in einem der uninspiriertesten Shooter der jüngeren Computerspielgeschichte ja doch nicht ganz umsonst war, sondern immerhin den zweiten Weltkrieg in einer alternativen Quatsch-Realität entschieden hat.

Und trotzdem möchte ich mal die Frage stellen: Ey, geht’s vielleicht auch mal eine Nummer kleiner? Ich weiß ja nicht, wie es Euch da draußen geht, aber ich muss keine Ostfront stabilisieren, um einen guten Tag zu haben. Auch andere Medien haben Hauptfiguren und die geben sich mit sehr viel weniger zufrieden. In der Soldat James Ryan rettet Tom Hanks den Soldat James Ryan und gewinnt keinen Weltkrieg.

Wasserträger statt Tormaschine

Christian Schiffer

Hat das Kunststück fertiggebracht, sowohl eine Computerspiel – als auch eine Sportsucht zu entwickeln. Hat den uncoolsten Computerspielgeschmack der Welt, was er allerdings lange Zeit erfolgreich geheimhalten konnte, vor allem durch Gründung der „WASD“.

Ich würde mir wünschen, in Spielen öfter mal weitgehend überflüssig zu sein. Oder zumindest so wichtig oder unwichtig wie andere auch, sodass ich das Gefühl habe, dass das, was passiert, einigermaßen Sinn ergibt. Warum kann ich in der Kampagne von Call of Duty nicht mal der einfache  Soldat sein, der irgendwie versucht mit seinen Kameraden heil aus der ganzen Sache herauszukommen? Ja, erzählerisch ist es vermutlich sehr viel einfacher die Spieler immer am ganz großen Rad drehen zu lassen. Gib ihm einen Wumme in die Hand, lass ihn einen Weltkrieg gewinnen, zackbums: Fertig. Aber interessanter, glaubwürdiger und am Ende auch aufregender wäre es, wenn Spiele öfter mal den Mut hätten, mich weniger wichtig zu nehmen

Kommentare

  1. Avatar for lnhh lnhh says:

    Wie gut ist das Thumbnail bitte???

  2. Avatar for Adrian Adrian says:

    Wer hat dieses Bild erstellt? :smiley: und wo ist der Gin Tonic / Vodka?

  3. Avatar for Fabu Fabu says:

    Ich hatte zu viel Zeit. Aber fürs Entfernen der 3. Augenbraue fehlte mir dann doch der Skill. :sweat_smile:

  4. Avatar for Adrian Adrian says:

    ich glaube die gehört einfach zu. ohne die wäre das thumbnail nur halb so geil.

  5. Gute Gedanken! Die Überhöhung des Selbst halte ich für ein Leitmotiv des Dritten Jahrtausends A.D., nicht nur in Videospielen, aber da wird das besonders deutlich!
    Mich sorgt die kollektive kognitive Dissonanz, die daraus entstehen MUSS, wenn die so trainierten Gehirne irgendwann mit der Bedeutungslosigkeit konfrontiert werden… Was mag dann passieren? Oder passiert sogar schon etwas?

  6. Avatar for reeft reeft says:

    Stimme voll und ganz zu.

  7. Avatar for VfBFan VfBFan says:

    Was ich mich nach dem Lesen des Artikels frage… wann gibt’s wieder einen neuen Film von Spike Jonze?

    joaquin phoenix film GIF

  8. Avatar for Simon Simon says:

    Ich als alter Gameplay Gamer hab es da ein bisschen besser. Mir ist es mittlerweile völlig egal warum ich etwas in spielen tue… Hauptsache ist, dass das Tuen selbst spaßig ist.
    Ich bin derart resistent zu Storys geworden, dass ich bisweilen selbst gute Storys ausversehen überspringe.
    Ich würde es nicht Mal merken, dass ich gerade den Krieg gewinne, weil ich einfach das nächste objektiv einlöse… Klar das ist nicht unbedingt die beste Lösung, aber irgendwie fühle ich mich da nie besonders wichtig oder unwichtig. Escapismus in Reinkultur.

  9. Avatar for Bonito Bonito says:

    Oh Mann, ja! Es langweilt einfach so sehr, immer der Überheld zu sein, der alles, wirklich alles (!!) rettet. Und bei History Shootern ist es wenigstens noch die Realität. Lass die reale Geschichte weg und es geht nicht unter dem obligatorischen multidimensionalen Übel, das aus der Zeit vor der Zeit entspringt um die Existenz aller Welten zu beenden. Es ist wirklich immer das selbe. Mass Effect war keine zehn Spielstunden alt, da wurde mir schon wieder mitgeteilt, dass irgendwelche Viecher ein Universum auffressen wollten, das ich bis dahin überhaupt nicht mal ansatzweise kennenlernen konnte. Während Starcraft I und vor allem Brood War eine spannende Geschichte einer militärischen Kampagne erzählte, die gründlich in die Hose ging und dabei Filmklassiker wie Apocalypse Now zitierte, fiel Blizzard im zweiten Teil nichts besseres ein als? Na klar, Dämonen, die das Universum auffressen wollen. Das geht so weit, dass mittlerweile sci fi und fantasy in ihren Superlativen dermaßen austauschbare Genres geworden sind, dass beide für sich einfach keinen Spaß mehr machen, weil hinter diesem quark einfach jede gute Story verschwindet. Naja, ist jetzt arg verallgemeinert, es gibt natürlich schon noch anderes, aber dieses Problem ist schon echt weit verbreitet.

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