Spieluminati: Gaming-Verschwörungstheorien und Urban Legends

Sagt eine Radiostation in Fallout 3 die Zukunft voraus?

Um Computerspiele ranken sich eine ganze Menge schräger Legenden und Theorien. Mit „Spieluminati“ haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, die hartnäckigsten zu untersuchen und zu debunken. Dieses Mal: Sagt eine Radiostation in Fallout 3 die Zukunft voraus?

Das folgende Schreiben erreichte die Wasted-Redaktion in Form eines eng bekritzelten Stückes Klopapier, das auf einer öffentlichen Toilette unter der Kabinenwand Adrian Froschauer zugeschoben wurde. Als Adrian laut fragte, wer da sei, antwortete niemand – als er die Tür öffnete, war die Nebenkabine leer. 

FALLOUT 3 KENNT UNSERE ZUKUNFT! IST BALD ALLES VORBEI?

Bethesda Softworks weiß viel mehr, als man von einem Spielestudio erwarten sollte! (Vielleicht ALLES?) Todd Howard könnte insgeheim der mächtigste Mann der Welt sein. Computerspiele sind wie alle MASSENmedien ein Werkzeug, um die MASSEN unter Kontrolle zu halten. Ein versteckter Zahlensender in Fallout 3 sagt die Zukunft voraus. ALLES IST WAHR! Wer den Zahlensender im Fallout-Wiki anspricht, wird verbannt. Kann das ZUFALL sein?! Warum berichtet niemand darüber?

Lasst euch nichts vorspielen!

Worum geht’s?

Was zunächst ziemlich wirr klingt, ist ein Mythos über das postapokalyptische Rollenspiel Fallout 3 von Bethesda, der tatsächlich im Internet verbreitet wird. Immer wieder schwören Spieler*innen, in Fallout 3 über das Radio mysteriöse Nachrichten erhalten zu haben, wenn spezifische Bedingungen erfüllt waren. Diese Bedingungen sind nicht alle dokumentiert, aber drei stehen fest:

  1. Wir müssen Three Dog, den charismatischen Moderator des Senders Galaxy News Radio, töten. 
  2. Wir müssen die Quest „Galaxy News Radio“ überspringen. 
  3. Wir müssen die geheime Enklave-Basis Raven Rock zerstören. 

Mit ein bisschen Glück sind die bisher unbekannten Konditionen ebenfalls erfüllt, und wenn wir das Radio einschalten, ist Three Dog zu hören – obwohl er tot sein sollte. Laut Legende verliest er mit monotoner Stimme eine längere Zahlenfolge, dann ist Morsecode-Piepen zu hören, dann wird die inoffizielle Fallout-3-Hymne „I don’t want to set the world on fire“ gespielt. 

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Die Fallout-Fan-Community soll den Code in verschiedene alberne bis unheimliche Nachrichten übersetzt haben. Von Banalem wie: „Washed the car today, maybe Chinese for dinner.“ Bis zu Unheilvollem wie: „I can’t believe they’ve actually done it. Not long left.

Dass Three Dog nach seinem Tod die Nachrichten spricht, ergibt zwar im Spiel nicht viel Sinn, aber macht die Sache ein bisschen gruseliger. Zwar erklärt das Fallout-Universum im Allgemeinen selbst die wildesten Eskalationen mit SciFi-Technologie und/oder Mutationen – aber übernatürliches wird gerne mal angeteaset.  Fallout 3 ist voll von Easter Eggs und versteckten Dialogen. Die Existenz mehrerer im Spiel versteckter Sender, die zwar keine Zahlen, aber Morse-Nachrichten in den Äther schicken, ist eindeutig belegt. Warum sollte also nicht auch diese „Numbers Station“, wie sie in der Legende genannt wird, im Code vergraben sein?

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Fakt ist: Zahlensender gibt es wirklich. Und mysteriös sind sie auch in Wirklichkeit. Es sind Kurzwellen-Sendungen, in denen scheinbar wirre Abfolgen von Zahlen und Buchstaben vorgelesen werden. Der Zweck der meisten Sendungen ist nicht bekannt. Viele scheinen codierte Nachrichten von Spionagediensten und Militär zu sein – durch die Übertragung per Kurzwelle fast weltweit ganz einfach mit einem geeigneten Radio abzuhören. Mysteriöse Technologie mit „Kalter Krieg“-Vibes? Das passt hervorragend ins Fallout-Universum.

Kommen wir also zum bekloppten Teil: Der Morsecode ist klar, doch wofür stehen die Zahlen? Laut Legende hat ein besonders cleveres Community-Mitglied herausgefunden, dass diese Uhrzeiten und Daten sind … AUS DER ZUKUNFT! 

Eine der Nachrichten ist datiert auf 9:45 Uhr am 20. April 2010: „Accident in the gulf, several dead. Oil spill apparently averted.

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Was geschah am 20. April 2010? Mehrere Explosionen auf der Bohrinsel „Deepwater Horizon“ im Golf von Mexiko; elf Arbeiter starben. Doch man glaubte, das Ölleck unter Kontrolle zu haben – bis sich 800 Millionen Liter Öl in den Ozean ergossen und eine der schlimmsten Ölkatastrophen aller Zeiten verursachten, deren Auswirkungen noch bis heute zu spüren sind. Doch Fallout 3 war fast zwei Jahre zuvor erschienen, im Oktober 2008. Eine weitere Nachricht soll den Tod des Schauspielers Gary Coleman mit genauem Datum hervorgesagt haben. 

Manche der Nachrichten liegen immer noch in der Zukunft – etwa eine Überraschung bei der Oscar-Verleihung im nächsten Jahr, gegen die alle Ohrfeigen abstinken: „I can’t believe Britney’s actually won an Oscar!

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Ein Selbstversuch

Ich muss es einfach genauer wissen! Also starte ich zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren wieder Fallout 3. Da ich nicht sicher bin, welche Konditionen den Zahlensender aktivieren oder verhindern, installiere ich lieber keine Mods. Also auch keine Schnellstart-Mod. Also muss ich das Intro spielen, das ich erfolgreich verdrängt hatte – von der Geburt bis ins Erwachsenenalter meines Charakters. Also vergeht gut eine halbe Stunde Spielzeit, bevor mein neuester Fallout-Charakter – ich nenne ihn liebevoll Nostradamus – aus Vault 101 flieht und das Licht des Ödlands erblickt. 

Das war exakt einmal clever.

Three Dog taucht zum Glück sehr früh im Spiel zum ersten Mal auf – und will mir gleich die Quest „Galaxy News Radio“ andrehen, in der ich ihm helfen soll, das Signal seines Senders zu verstärken, damit er das gesamte Ödland erreicht. Im Gegenzug will er mir verraten, wo Nostradamus’ Vater ist, damit die beiden endlich wieder vereint sein können. Es gibt mehrere Wege, diese Quest zu umgehen und trotzdem in der Story voranzukommen. Da ich das Sprachtalent in Fallout-Spielen immer fleißig levele, entscheide ich mich dafür, Three Dog zu bequatschen, dass er mir die Infos gibt, ohne einen Gefallen dafür zu fordern. Ich weiß natürlich sowieso schon, wo die nächste Etappe der Story ist, aber wenn ich schon mal hier bin, kann ich auch noch schnell einem Radiomoderator ins Gesicht schießen. 

Mit der Laserpistole wird aus Three Dog ganz schnell Zero Dog. Nur ein Häufchen Asche bleibt übrig. Das perfekte Verbrechen.

Es gibt außer dem Zahlensender keinen guten Grund, Three Dog zu erschießen, aber wer noch nie aus Jux und Tollerei in einem Open-World-Spiel wahllos NPCs gemordet hat, werfe die erste Atombombe. Ist das erledigt, übernimmt Assistentin Margaret die NGR-Moderation – ohne Bock, ohne Witze, ohne Hoffnungsbotschaften, ohne meine Taten zu kommentieren. 

Letzter Schritt: die Forschungsbasis Raven Rock der faschistoiden Enklave sprengen. Doch das ist erst im letzten Akt des Spiels möglich. Ich erspare euch die postapokalyptischen Abenteuer des Nostradamus. Nur so viel sei gesagt: Ganz ohne Nebenquests oder Grinding lediglich die Hauptquests so schnell zu durchlaufen wie möglich, ist schwieriger, als ich erwartet hatte.

Ich schalte das Radio an, und ich höre

Da ich das GNR-Signal ja nicht verstärkt habe, muss ich erst noch einen Ort finden, an dem ich es empfange. Praktischerweise soll einer der höchsten Berge direkt in der Nähe von Raven Rock so ein Ort sein. Nostradamus begibt sich also nach der Fascho-Sprengung auf Klettertour, ich schalte das Radio an, und ich höre … nichts. Also: Zurück nach Washington, hier habe ich auf jeden Fall GNR-Empfang. Ich schalte das Radio an, und ich höre … Margaret, wie sie darüber schimpft, dass irgendein Arschloch Three Dog ermordet hat. Ich finde das etwas harsch, schließlich habe ich es im Namen des investigativen Journalismus getan – das würde Three Dog verstehen. 

Ich muss also irgendetwas falsch gemacht haben. Ein Teil des Puzzles fehlt. Es gibt immer wieder Menschen, die behaupten, alle weiteren Konditionen herausgefunden zu haben. Die sind aber sehr umstritten. Trotzdem probiere ich ein paar aus. Ohne Erfolg. Ist mein Selbstversuch gescheitert?

Fazit

Nein, natürlich sagt Fallout 3 nicht die Zukunft voraus, das ist eine komplett bescheuerte Idee! Hinter Bethesda steckt keine Weltregierung, die all diese Ereignisse orchestriert, und Todd Howard verfügt auch nicht über dunkle Kräfte, die ihm erlauben, die Zukunft zu sehen. Für den 19. März 2014 sagte eine Nachricht angeblich voraus: „The Queen has died today. The world mourns, as on days like these, we are all Brits.

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Auch acht Jahre nach dem prophezeiten Todesdatum lebt Königin Elisabeth noch. Überraschender ist jedoch: Der Zahlensender ist auch kein Gag, der zufällig mal mit kryptischen Vorhersagen richtig lag und dem seitdem zu viel Bedeutung zugesprochen wird. Er existiert einfach nicht. Doch das Gerücht hält sich hartnäckig. 

Pssssssst!

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In den Kommentaren unter einer angeblichen Aufnahme einer Fallout-Zahlensender-Nachricht diskutieren User, ob die Geschichte wahr sein kann – und ignorieren, dass der Ersteller selbst schreibt: „Most creepypastas are 100% fake, including this one as well.“

Creepypasta („creepy“ + „copy and paste“) bezeichnet ein Genre kurzer, moderner Horrorgeschichten, die primär im Internet verbreitet werden. Dabei geht es häufig um Popkultur, etwa verfluchte Computerspiele oder verlorengeglaubte Serien-Episoden, die Grauenvolles beinhalten – und meistens werden sie in irgendeiner Form als Tatsachenbericht verpackt, was sie für unüberlegte Weiterverbreitung prädestiniert. 

Und das ist auch der Zahlensender aus Fallout 3: Fiktion. Die älteste Fassung, die ich finden kann, hat ein User namens Paninis Cupcake im November 2010 unter dem Titel „Fallout 3 Numbers Station“ im Creepypasta-Wiki veröffentlicht. Ob dieser Eintrag das Original ist, von dem alles ausging, weiß ich nicht. Andernorts macht der Text als Bilddatei die Runde. 

Al dente!

Al dente!

Gamesradar hat mir einen Teil der Arbeit abgenommen und direkt bei Bethesda angefragt, ob zumindest irgendetwas an der Geschichte dran ist. Die Antwort: „Sounds like a cool theory, but there’s no truth in it :)“

Trotzdem: Dass Menschen an den Zahlensender glauben, ist ein Stück weit verständlich. Schließlich lebt Creepypasta davon, die Grenze zwischen Realität und Fiktion zu verwischen. Außerdem sind auch die tatsächlich in Fallout 3 vorhandenen Morse-Sender so gut versteckt, dass sie den meisten Spieler*innen entgehen. Wer sie findet, entschlüsselt und den Hinweisen folgt, wird mit kleineren und größeren Geheimnissen belohnt – etwa ghoulifizierten chinesischen Soldaten aus dem seit Jahrhunderten beendeten Krieg. Warum sollte man also nicht darauf hoffen, für einen noch versteckteren Sender mit einem noch spektakuläreren Geheimnis belohnt zu werden?

Darum funktioniert diese Creepypasta auch so gut: keine von Geistern besessenen Datenträger, sondern ein Easter Egg, das tatsächlich existieren könnte – und gruselige Implikationen hat. 

Wertung Verschwörungstheorie „Fallout 3 Numbers Station“

Wahrscheinlichkeit: 0,1/10

Beklopptheit: 8/10

Unterhaltungswert: 7/10

Tragweite, falls wahr: 9/10 (Nicht nur wäre bewiesen, dass Wahrsagerei real und zuverlässig ist – Britney bekäme endlich mal wieder öffentliche Anerkennung.)

Adrian Froschauer Freier Autor

Adrian Froschauer Porträt in Farbe. Foto: Robby Lorenz AF

Schreibt Zeug. Redigiert am Digitaldesk der Saarbrücker Zeitung. Promoviert im Graduiertenkolleg „Europäische Traumkulturen“ mit einer Arbeit über Traumsequenzen in Computerspielen. Muss seiner Mama nicht mehr erklären, warum das interessant und wichtig ist.

Welche Gaming-Verschwörungstheorien und Urban Legends soll Adrian als nächstes untersuchen? Schickt Vorschläge per E-Mail an redaktion@wasted.de oder als Direktnachricht im Wasted-Forum an Adrian.

Wichtig: Wir suchen Theorien, die in irgendeiner Form Konsequenzen für die Realität hätten, wenn sie wahr wären! Also eher: „Hat die US-Regierung mit dem Arcade-Spiel Polybius geheime Experimente an der Bevölkerung durchgeführt?“ Und nicht: „Ist in Shadow of the Colossus ein geheimer 17. Koloss versteckt?

22 Kommentare


Kommentare

  1. Richtig geniales Konzept! Bitte mehr davon.

    Auch die thematisch passende Textanimation find ich echt klasse!

    ancient aliens GIF

  2. Avatar for Jagoda Jagoda says:

    Burnie Burns Conspiracy GIF by Rooster Teeth

    Ps:
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  3. Avatar for Lyra Lyra says:

    was habe ich da gerade gelesen?
    okay ich war einfach viel zu dumm. kann ich ja nicht wissen, dass ich über den kryptischen Text hovern muss damit ein Artikel bei rauskommt. Ich lege mich dann mal wieder ins Bett.

  4. Avatar for Adrian Adrian says:

    puh, da hatte ich nochmal glück. bin gerade bisschen im Programmieren (schaue mir gerade für etwas Privates Kotlin und Flutter an) und wollte schon während einer Klo-Session mir den Seitencode zerpflücken um den Text zu entschlüsseln. Aber auf dem Handy löst sich das ja von alleine auf, auf dem Rechner erst, wenn man mit der Maus drüber geht und nicht einfach drüber scrollt.

    Das hat mich jetzt vor kurzen Nächten bewahrt.

  5. Avatar for Mirko Mirko says:

    Wir sind ja nicht unmenschlich.

    Aber es gibt noch einen Kniff, den Text sofort entschlüsselt zu sehen. Marketingleute hassen diesen Trick (nein, funktioniert nicht bei der Paywall, Ihr Schelme!).

  6. Avatar for Mirko Mirko says:

    Ihr müsste den Artikel alle nochmal lesen. Links innerhalb des Texts waren bislang so gut codiert, dass nichtmal unsere Enigma sie entschlüsseln konnte. Aber nun kann sie’s. :nerd_face:

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