Ich mochte Sammelkarten- und Deckbuilding-Spiele nie. Pokémon-Karten habe ich zu Schulzeiten begeistert gesammelt und getauscht, aber mir wäre im Traum nicht eingefallen, mit ihnen zu spielen. Und Magic war für mich schon immer ein Buch mit sieben Siegeln. Aber das habe ich jetzt davon: Ein Fremder, dessen Augen mich aus der Dunkelheit auf der anderen Seite des Tisches anfunkeln, hat mich in einer winzigen Hütte eingesperrt und zwingt mich, mit ihm Karten zu spielen. Mein schlimmster Albtraum. Doch das ist nicht der einzige Horror in Daniel Mullins’ neuestem Spiel.

Ich kann mich frei in der Hütte bewegen – doch stets beobachten mich die Augen in der Dunkelheit.

Taktische Kartenspiele, in denen Spielende ihr Deck selbst zusammenstellen müssen, sind auch in digitaler Form ungebrochen beliebt – sei es in Form von eigenständigen Spielen wie Slay the Spire oder als Minigames in größeren Spielen wie Gwent aus The Witcher 3. (Und Gwent.) Es gibt in der Computerspiele-Landschaft mittlerweile fast so viele Deckbuilder wie Pokémon-Karten in einem durchschnittlichen Kinderzimmer der Jahrtausendwende.

Inscryption Kartenspiel

Plattformen
PC
Release
19.10.2021
Entwickler
Daniel Mullins Games
Publisher
Devolver Digital
USK
Links
inscryption.com

Auch Inscryption orientiert sich auf den ersten Blick am bekannten Schema: Die Karten bilden Waldtiere ab und haben einen Angriffswert, einen Verteidigungswert, hier und da eine Besonderheit, wie etwa die Fähigkeit zu fliegen oder zwischen den Runden die Position zu wechseln. Schaffe ich es, die Karten meines Gegners aus dem Weg zu schaffen und ihn direkt anzugreifen, klappern Zähne in eine Waagschale. Neigt sie sich die Waage ganz in seine Richtung, habe ich gewonnen – und umgekehrt. So weit, so Yu-Gi-Oh.

Zeit für ein Duell!

Das klingt für mich bis hierhin wenig interessant. Doch Daniel Mullins wäre nicht Daniel Mullins – der Kopf hinter Pony Island – wenn er dem Prinzip nicht seine eigenen verschrobenen, düsteren Twists verpassen würde. Um eine Karte einzusetzen, muss ich andere opfern. Für den Hermelin muss zum Beispiel ein Eichhörnchen sterben, für den stärkeren Wolf müssen schon zwei Karten dran glauben, für den mächtigen Bären sogar drei. Doch mein schattenhafter Gegner beruhigt mich nach dem ersten Opfer:

„Its suffering was real, but it’s still in your deck.“

Uff.

Bloß weil der Gegner mich gefangen hält und umbringen will, heißt das nicht, dass er sich nicht viel Mühe bei der Präsentation seines Kartenspiels gibt.

Die Gestalt in der Dunkelheit lässt nicht nur schaurige Bemerkungen fallen; sie erzählt eine Rahmengeschichte für unsere Duelle; sie schlüpft mit Masken und viel Pathos in die Rollen von Bossgegnern, die eigene Spielregeln einbringen und zum Beispiel meine Karten stehlen können; sie dreht mir Items an, die im Spiel helfen. Dazu gehören unter anderem zwei Werkzeuge, mit denen sich zusätzliches Gewicht in die Waagschale des Gegners legen lässt – eine Zange und ein Messer. Uff.

Sacrifices Must Be Made

2018 nimmt Daniel Mullins am Game Jam Ludum Dare 43 teil und zimmert innerhalb von 48 Stunden im Alleingang ein Kartenspiel mit gruseliger Atmosphäre und angedeuteter Rahmenhandlung zusammen. Wenig später bietet er Sacrifices Must Be Made zum kostenlosen Download an. Es ist eine Art Inscryption-Prototyp: Die grundlegenden Regeln und die Opfer-Mechanik sind bereits vorhanden, auch der unheimliche Widersacher im Schatten und die unheilvolle Atmosphäre. Absolut zu empfehlen, wenn man sich in nur zehn bis 20 Minuten einen ersten Eindruck vom Konzept verschaffen möchte.

Jenseits der Karten

Da hat mich das clevere Kartenspiel mit seinen kurzen, knackigen Kämpfen wohl doch stärker gefesselt als gedacht, denn darüber habe ich fast das unheilvolle „Drumherum“ vergessen: Ich bin mit einem Verrückten in einer Hütte gefangen und spiele um mein Leben. Verliere ich, tut er mir … etwas an, und ich muss, ganz Roguelike-artig, von vorne beginnen.

Doch der gruselige Rahmen ist mehr als nur eine Tapete, vor der das eigentliche Kartenspiel stattfindet. Nichts hält mich davon ab, zwischen den Duellen vom Tisch aufzustehen und mich in der Hütte umzusehen. Und plötzlich stehe ich in einer Art Escape Room. Fast jedes Objekt gibt mir ein Rätsel auf, das neue Karten und Items freischaltet – mit denen kann ich wiederum im Kartenspiel Lösungshinweise für die Puzzle in der Hütte entdecken. Und so nähere ich mich langsam einem Ausweg aus meiner misslichen Lage – und den Antworten auf wichtige Fragen wie:

„Was verbirgt sich hinter der Tür mit dem flackernden Licht?“

„Hat diese Hermelin-Karte gerade mit mir gesprochen?“

Das war wohl nix. Viel Glück beim nächsten Mal!

Dieses „Drumherum“ ist eine der großen Stärken von Inscryption – aber auch eine der großen Schwächen. Denn … Tja, hier tut sich ein altbekanntes Problem auf: Wie spricht man über ein Spiel, das so sehr auf unerwartete (erzählerische und spielmechanische) Wendungen setzt wie Inscryption, ohne „zu viel zu verraten“ – vor allem, wenn die Kritik gerade an diesen Wendungen ansetzt? Also eine Warnung: Ab hier leichte Spoiler, aber ich bleibe vage genug, dass selbst die härtesten Überraschungspuristen noch auf ihre Kosten kommen sollten.

Meta heißt noch lange nicht clever

Als ich endlich siege und die Hütte verlasse, ist das Spiel nicht vorbei, sondern lediglich das erste Drittel. In den folgenden zwei Akten ändern sich Präsentation und Rahmung des Kartenspiels radikal – und leider nicht zum Besseren. Das Kartenspiel wird nun in eine Handlung eingebettet, die vierte Wand zwischen Spielenden und Spiel durchbricht und es sich auf der Meta-Ebene bequem macht – zu bequem. Denn: „Meta“ heißt noch lange nicht „clever“. Das Durchbrechen der vierten Wand eröffnet stets eine neue Ebene mit ungeahnten Möglichkeiten.

Quantitätsmatrix

Spiele wie The Stanley Parable, Undertale oder Doki Doki Literature Club nutzen diese Möglichkeiten, um etwas über das Verhältnis zwischen Spieler*innen und Spiel auszusagen, über Entscheidungsfreiheit und Moral oder auch nur, um das eigene Genre kritisch zu reflektieren. Wenn aber eine solche Selbstreflexion nicht stattfindet, warum dann überhaupt auf die Meta-Ebene gehen? Der Reiz simulierter Glitches und Bugs und des reinen „Uh, das Spiel redet mit mir!“-Gruseleffekts lässt irgendwann nach. Und als wäre das nicht genug überflüssiger Ballast, gibt es noch einen Rahmen, dargestellt in Videos, die in den besten Momenten an den Found-Footage-Horror eines Blair Witch Project erinnern, in den schlimmsten an peinliche Gaming-Creepypasta.

Manche Karten sprechen und kommentieren Züge. Warum? Das ist nur eines von vielen spannenden Mysterien, die eine eher enttäuschende Erklärung finden.

Selbst als ausgewiesener Story-Liebhaber und Sammelkarten-Ignorant erwische ich mich immer wieder bei dem Gedanken:

„Halt die Klappe, und lass mich endlich wieder das richtige Inscryption spielen!“

Das spricht immerhin sehr für das Kartenspiel. Doch selbst das leidet: Die Regeln bleiben grundsätzlich dieselben, werden aber mit weiteren Mechaniken aufgebläht. Keine Spur mehr von der simplen Eleganz des ersten Aktes. In einem Interview mit Game Rant gibt Mullins zu, dass er neue Möglichkeiten mit dem Kartenspiel ausprobieren wollte und die Meta-Elemente brauchte, um die dabei entstandenen, sehr unterschiedlichen Spiele in einem Paket zu verbinden.

Für Bosskämpfe packt der Gegenspieler unheimliche Masken und schauspielerische Fähigkeiten aus.

Ich befürchte, ein Grund, warum so viele Reviews Inscryption wie einen Geniestreich aussehen lassen, ist: Aus Angst vor dem Zorn der Spoiler-Puristen erwähnen sie nur den ersten Akt. Doch an diesem starken, schlanken Spiel hängen zwei schwächere, aufgeblähte Spiele, die Mullins besser geopfert hätte. Im Kern ist Inscryption ein einzigartiges, spannendes Spiel. Doch so solide das Fundament auch sein mag – der Rest des Kartenhauses ist einfach zu wackelig.

Fazit

Punkte: 71

Adrian Froschauer

Adrian Froschauer Porträt in Farbe. Foto: Robby Lorenz

Schreibt Zeug. Redigiert am Digitaldesk der Saarbrücker Zeitung. Promoviert im Graduiertenkolleg „Europäische Traumkulturen“ mit einer Arbeit über Traumsequenzen in Computerspielen. Muss seiner Mama nicht mehr erklären, warum das interessant und wichtig ist.

Ein cleveres Kartenspiel, das langsam an Komplexität zunimmt und stets neue Herausforderungen bietet – dabei aber irgendwann überladen wirkt. Das gilt vor allem für die Rahmenhandlung, die im ersten Akt mysteriös-unheimlich daherkommt und das reine Kartenspiel um tiefere Dimensionen bereichert, sich allerdings später in Belanglosigkeiten und Meta-Spielereien verrennt, die nicht so schlau sind, wie sie tun. All das ist höchst kompetent und effektvoll umgesetzt, aber muss sich nun mal mit dem ersten Akt vergleichen lassen, der den Rest bestenfalls mittelmäßig erscheinen lässt.

Inscryption

„Du hast verloren!“

Höhe in Disketten
6,79 m
Spieltiefe
51 bar
Ist das noch Indie?
74%
Gewalt
0,2 Doom
Eleganz
4,4
Metascore-Abweichung
-14

11 Kommentare


Kommentare

  1. Avatar for Jos Jos says:

    Vielen Dank für den aufschlussreich geschriebenen Test! Mir geht es ganz wie dir: bislang habe ich auch immer einen großen Bogen um Deckbuilding Games gemacht, merke aber mit jedem Beitrag, den ich dazu lese/höre, dass das Interesse wächst. Gerade liebäugle ich mit Slay the Spire.

  2. Avatar for Simon Simon says:

    Slay the Spire trifft die Rogue Like vs. Deck building Mechanik für mich am besten. Hab ich sehr lange und intensiv gespielt.
    Darüber hinaus hat die Community durch das modding großen Einfluss.

    Kleiner Tipp. Slay the Spire ist im Xbox Games Pass enthalten. Der ist aktuell im Angebot, 1€ für drei Monate. Günstiger kommt man nicht zum Probe spielen.

  3. Avatar for Jos Jos says:

    Danke für den Tipp, @Simon! Der XBox Game Pass gehört allerdings bei mir ebenfalls zu den Dinge, um die ich bislang noch einen Bogen gemacht habe. :wink: Aber ja, auch da lohnt sicher mal ein Umdenken. Das Portfolio wächst ja auch mit jedem Tag, wie man hört.

  4. Avatar for Simon Simon says:

    Ich war da auch lange skeptisch, muss aber gestehen, dass das Angebot immer besser wird.
    Ich denke in wenigen Jahren wird es völlig normal sein, dass man gaming Abos hat.

  5. Das sehe ich auch so. Der Game Pass ist mittlerweile richtig gut!

  6. Avatar for Jos Jos says:

    Kauft ihr denn trotzdem noch Games neben dem Game Pass?

  7. Avatar for Simon Simon says:

    Ich schaue halt ob das Spiel im Pass zu spielen ist und kaufe es nur wenn nicht.
    Das ist oft ganz hilfreich, weil ich viele Spiele so auch antesten kann…
    Ich kaufe im Prinzip weniger und oft dadurch günstiger.

  8. Ich muss sagen, dass ich den Games Pass nur phasenweise nutze, wenn er gerade (wie aktuell) im Angebot ist. Ansonsten mache ich schon zum Selbstschutz einen Bogen darum, weil ich sonst gar nicht mehr mit dem Zocken aufhören würde. :wink:

Setze die Diskussion fort auf community.wasted.de

3 weitere antworten

Teilnehmende