Das Ende der Zukunft

Langeweile in Neon.

Scifi-Games begeistern durch fremde Welten, krasse Plots und abgefahrene Ideen. Und sie können die Gegenwart reflektieren. Doch gerade hier hatten Videospiele zuletzt wenig zu sagen. Warum wir in einer merkwürdigen Dystopie leben – und welche Spiele uns helfen, sie zu verstehen.

Schon komisch, dass Cyberpunk gerade seinen zweiten Frühling erlebt. Ob im gleichnamigen CD Projekt Red-Klops oder in Indies wie Red Strings Club und Stray – das Genre findet mit seiner schneidigen Optik und der Fight-the-Man-Attitüde immer noch zahlreiche Wohnzimmer-Rebellen. Und das, obwohl es ein Kind der 80er ist und inzwischen mehr Genrekonvention als Gesellschaftskritik. Der Kollege Sigl nimmt den Punk-Mythos entsprechend auseinander.

Eines muss man Cyberpunk jedoch lassen: Es fühlt sich immer noch an wie Zukunft. Wie eine Vision. Es bleibt, so paradox es klingt, ein Sehnsuchtsort, trotz aller dystopischen Auswüchse.

Utopien für heute?

Schade ist, dass für unsere Gegenwart nicht annähernd so kühne Visionen hervorgebracht werden. Ganz gleich, wie viele Menschen von Wohnungsnot, Armut, Klimawandel, Krieg oder Ezra Miller bedroht sind, sich Entwicklungen und Krisen überschlagen – pop- und gegenkulturell geht wenig. Der Rückgriff auf Cyberpunk wirkt wie ein hilfloser Ersatz für eine Gegenwartskritik. Wo bleibt die neue Vorstellung der Welt, wie sie sein sollte?

Leinwand einer hilflosen Gegenwartskritik mit Katze: Stray.

Die langweilige Dystopie

Der Mangel an Visionen ist kein Phänomen der 2020er. Scifi-Autor und Cyberpunk-Vater William Gibson spricht schon 2017 von einer „historischen Phase, in der wir die Zukunft an sich verlieren. Wie die Menschen im Mittelalter.“ Während vor 100 Jahren die Leute besessen waren von den Versprechungen des Millenniums, redet laut Gibson heute kaum jemand über das 22. Jahrhundert.

Die Dystopie ist irrwitzig banal, niederschmetternd und zugleich irgendwie fad.

Philipp Sickmann

Schreibt Drehbücher fürs Kino, TV und die Schublade. Spricht außerdem gern über Scifi und Narration in Games – früher auch mal für die WASD.

Stattdessen erleben wir, was der Kulturwissenschaftler Mark Fisher als eine Form „fieberhaften Stillstands“ beschreibt. Stillstand auch aufgrund eines Kapitalismus, der in westlichen Demokratien als alternativlos gilt. Es erscheint unmöglich, sich andere Verhältnisse vorzustellen als die derzeit existierenden. Fisher ist es auch, dem wir den Begriff des Boring Dystopia verdanken. Ursprünglich als Anti-Facebook-Gruppe gestartet, beschreibt es eine Welt, in der die neoliberale Monstrosität des Cyberpunk Realität geworden ist, allerdings ohne Sprünge in die Matrix, coole Bodymods und Neon-Accessoires. Die Dystopie ist irrwitzig banal, niederschmetternd und zugleich irgendwie fad. Technischer Fortschritt, der die Welt weder besser noch viel schlechter macht, sondern uns in den bestehenden Grenzen gefangen hält.

Das Boring Dystopia begegnet uns inzwischen allerorten: Der Weltraum-Tourismus von Milliardären in Zeiten globalen Ökozids. Ausbeutung von Arbeiterinnen der Gig Economy. Suizid-Hilfe, die Daten von Kunden in Krisensituationen verhökert. Biologisch abbaubare Munition. In unseren Körpern mehr Mikroplastik als Mikrochips. Und irgendwann Roboterhunde im Polizeieinsatz, die dich erst niederballern und anschließend teabaggen.

Über allem liegt ein milde resignativer Schleier. That funny feeling.

Im Ruinenporno

Auch die Spielewelt ist mit Pay-to-Earn-Modellen, NFTs und Lootboxen längst Teil dieses Fiebertraums. Das Symbol der Zukunft aus den 80ern Virtual Reality ist zwar marktreif, dient aber nur als Nischenhobby, Nostalgiedroge á la Ready Player One oder feuchter Traum größenwahnsinniger Datenkleptomanen.

Selbst in ihren Narrativen reflektiert Popkultur kaum die langweilige Dystopie. Am ehesten noch in den gelungensten Folgen von Black Mirror. Beispiele im Videospielsektor sind rar.

7 Kommentare


Kommentare

  1. Es ist wirklich bedenklich, dass es für die Zukunft auf der Erde selbst in der Fantasie der Spiele-Autoren kaum positive Aussichten gibt. Da sind ja die Enden bei Elden Ring teils hoffnungsvoller :wink:

    Gibt es in der Literatur da keine Inspiration? Ich lese auch eher die Dystopien, aber da geht es auch oft differenzierter zu, als nur zu sagen, dass alles im Eimer ist.

    Mag da z.B die Old Man’s War Reihe von John Scalzi oder Ancillary Justice von Ann Leckie, wo es dann aber auch mal wieder mehr ins Weltall geht und die Menschheit es weiter geschafft hat.

    Gab es nach Mass Effect da noch mehr? Hat Star Citizen eine Story? Was wohl in Starfield aus der Erde geworden ist, 300 Jahre in der Zukunft…

  2. Hoffnungsvolle Scifi gibt es sicher. Die Welle von Clifi könnte dieses Jahrzehnt prägen, so wie z.B. Kim Stanley Robinsons ‚Ministerium für die Zukunft‘. Cory Doctorow hat in dieser Richtung vor kurzem was Interessantes empfohlen, ‚A Half-Built Garden‘, das ich aber noch nicht gelesen hab.

    Neulich sind mir Werke von Indigenous Scifi über den Weg gelaufen, was eine relativ unbekannte Nische ist. Ansonsten kann ich jederzeit Ted Chiang und Greg Egan empfehlen.

    Was die nächste große Idee für die Menschheit ist, sehe ich gerade noch nicht. Aber vielleicht finden andere hier noch Kandidaten. Würde auch @RainerSigl pagen, der kennt sich in dem Metier ja aus.

    edit: Bin der Autor des Artikels, habe aber keine Ahnung, ob man das meinem Profil ansieht (help)

  3. Hast du da eine Romanempfehlung zur Hand?

  4. Sorry, nein, bin (leider) eher noch der düsteren Spielart von SF verhaftet :slight_smile:

  5. Wir hatten bei Superlevel mal ein Gespräch mit dem Dev des Solarpunk-inspirierten Spiels Protodroid Delta und Spielen, die dem Klimawandel einen hoffnungsvollen Spin abgewinnen wollen. Und im deutschsprachigen Raum gibt’s seit ein paar Jahren die Bewegung der „progressiven Phantastik“, vielleicht ist das ein interessanter Ansatzpunkt.

    Ich glaube eins meiner liebsten Spiele, das mit Hoffnung und Apokalypse spielt, ist Like Roots in the Soil. Ist nur eine winzige Idee, aber zeigt gut auf, wie wenige hoffnungsvolle es dann doch gibt.

  6. Ich habe nichts Relevantes zu der Diskussion beizutragen, aber ich möchte mich für diesen tollen Artikel, incl. Kommentare, herzlich bedanken.

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