Zu spät: Hindsight beginnt mit dem Tod der Mutter und handelt von der Tochter, die im Haus ihrer Eltern mit Erinnerungen ringt. Es ist nicht besonders originell oder neu. Aber es trifft.

Die allerbeste Szene in Hindsight ist die mit dem Pferd. Die verträumte Tochter schaut von der Rückbank des Autos aufs weite Land, und dann reitet da ganz in der Nähe eine wilde Silhouette vorbei, die Kamera nimmt uns mit, wir haben das Auto schon verlassen. Das Pferd selbst ist kein Pferd, sondern ein Portal. Wir tauchen hindurch und sind an einem neuen Ort, in einer neuen Erinnerung.

Lichtquellen als Portal gehen immer.

Erinnerungen zum Mitdrehen 

So ungezügelt und frei ist Hindsight aber selten. Es ist ein narratives Spiel, mit großem N und kleinem S. Vor allem erzählt es eine festgelegte, kurze Geschichte. Hindsight stürzt uns in eine Szene, die wir drehen und wenden können, die sich aber nicht bewegt. Irgendwo ist der Ausgang zum nächsten Diorama versteckt, aber nur so gut, dass sich ein kleines bisschen Reibung ergibt. Ich soll der Tochter beim Erzählen der neuen Erinnerung zuhören, dann ein bisschen wischen, bis ich den blinkenden Ausgang finde, dann darauf tippen, um durchzutauchen. Blinken tut es meist dort, wo die Geschichte logischerweise weitergeht. Die Musikstunde stürzt sich in die Klaviatur, oder die Tochter durch die Haustür.

Gelegentlich träumt sich die Erzählung in assoziative Bilder und setzt sich über die Realität hinweg. Meist bleibt sie einfach und geradeaus, sie fühlt sich autobiographisch an. Letztendlich geht es um eine ziemlich normale Beziehung eines Kindes zu seinen Eltern, um verbindende und entfremdende Momente. Aus ein paar Metern Entfernung könnte ich gar nicht sagen, warum ich sowas spielen sollte. Bei erstarrten, sich drehenden Bildern rührender Szenen sind wir schließlich schnell bei Emotion pur, bei Imagekampagnen von Mobilfunkunternehmen oder Brauseherstellern.

Schon der Blickwinkel macht mich betroffen.

Unheimlich ähnlich

Quantitätsmatrix

Hindsight funktioniert vor allem, weil die Autorin Emma Kidwell immer wieder spezifische Schlüsselmomente findet, die sich persönlich und echt anfühlen. Bei den Unfällen, Streitereien und Glücksmomenten der Protagonistin bekomme ich selbst Magenschmerzen oder grinse selig, als wäre das mindestens einer Cousine von mir auch so passiert.

Auf den zweiten Blick habe ich keine Cousinen und eine ganz andere Biographie als die Heldin, aber ich fühle mich angesprochen. Hindsight handelt nicht nur von der einen, spezifischen Lebensgeschichte, sondern auch von der universellen Frage, was wir damit anfangen sollen. Woran erinnern wir uns eigentlich? Wie bewerten wir etwas, das sich jedesmal, wenn wir es wachrufen, verändert? Wie ertragen wir, mit der Erinnerung allein gelassen zu werden?

Eingerahmt wird die Erzählung vom Tod der Mutter. Durch den Kampf mit dem Gedächtnis wird das hier aber produktiv erzählt, und nicht einfach als eine Feelbad-Story. Ein Erlebnis neu zu verstehen, wenn der beteiligte Mensch gestorben ist, fühlt sich gleichzeitig erhellend und frustrierend an. So bekommt Hindsight fast etwas therapeutisches. Vielleicht ärgere ich mich, dass ich meinem toten Freund nicht mehr sagen kann, welchen Witz ich endlich verstanden habe. Hier sehe ich, dass sich andere genauso ärgern.

Bäume!
Pfützen!

Gedanken flattern davon 

Was letztendlich banal ist, und was nicht, darüber könnten wir uns streiten. Einige Male sind die Bilder typischer Kindheitserlebnisse dermaßen typisch, dass ich komplett hindurchsehe und nichts mehr wahrnehme oder spüre. Zu viele Assoziationen machen irgendwas mit Schmetterlingen. Noch deutlicher fällt es mir beim Text auf. „It was overwhelming. I was on autopilot. Going through the motions“, sagt die Erzählerin in einer Szene, und das klingt dreimal hintereinander nichtssagend, abgeschrieben.

Solche Augenblicke haben mich rausgerissen. Andere Szenen wirken auf mich so, als könnte ich erraten, aus welcher Folge von (SPOILER) Chef’s Table das Zitat stammt. Aber ich begegne Erzählungen auch mit einer antrainierten Distanz. Umso höher rechne ich Hindsight an, dass es mich immer wieder überrascht und gepackt hat. Plötzlich wollte ich ins Kinderzimmer gehen und mich entschuldigen, oder meinen Vater anrufen und wegen der Sache vor 35 Jahren nochmal fragen.

Vögelchen als Portal sind mir auch zu naheliegend.

Deswegen funktioniert es unterm Strich für mich sehr gut, und für andere Menschen vielleicht überhaupt nicht. Sich für ein paar Stunden mit Trauer auseinandersetzen zu wollen, ist wahrscheinlich eine Grundvoraussetzung.

Eher ein Hinderungsgrund wäre es dagegen, wenn Spieler*innen hier etwas zum Spielen suchen. Technisch gesehen hat Hindsight sogar Rätsel, Gegenstände werden gepuzzelt, gefunden oder verschoben, aber das passiert nur gelegentlich und es fühlt sich nach einer Beschäftigung an – nicht nach einem Hindernis. Die größte Schwierigkeit hat mir die Steuerung bereitet. Mit Controller ist das Zielen frustrierend, mit der Maus deutlich einfacher. Wahrscheinlich wäre es auf dem Touchscreen noch besser; eine iPad-Version gibt’s auch.

Mama, ein Pferd!

Als wäre meine Mutter gestorben 

Das ist nicht wichtig. Arbeiten muss ich hier mit dem Kopf, weniger mit den Händen. Und die Arbeit lohnt sich! Am Ende stehe ich gerührt da und fühle mich, als hätte ich etwas Unbestimmtes verstanden. Schon beim Spielen nicke ich gelegentlich, wenn Knowledge gedroppt wird: Trauer geht nicht weg, aber sie verändert sich beständig. Stimmt.

Solche Erkenntnisse fühlen sich hier persönlicher, glaubwürdiger an, weil ich das Rad mitgedreht habe. Ein paar Kleinigkeiten habe ich sogar selbst entschieden. Ob Hindsight deswegen ein gutes Spiel ist, oder eine gute interaktive Erzählung, ist mir herzlich egal. Ich freue mich, dass ich mir die zweieinhalb Stunden genommen habe.

Fazit

Punkte: 83

Jan Bojaryn

Jan Bojaryn schreibt für Tageszeitungen und Kulturzeitschriften über Videospiele und vergleichbar wichtige Themen.

Lohnend wie ein Anruf bei den Eltern.

Hindsight

Deine-Mutter-ist-tot-Simulator.

Höhe in Disketten
1,4 m
Spieltiefe
2 bar
Ist das noch Indie?
85%
Gewalt
0,02 Doom
Eleganz
7,8
Metascore-Abweichung
10

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