Wir sind mit Spielen groß geworden. Jetzt werden unsere Kinder mit uns groß. Bleibt zwischen Windelwechseln, Krabbelgruppe und Breifütterung überhaupt Zeit zum Spielen? Was geben Games uns mit auf dem Weg mit Nachwuchs? Geben wir unsere Liebe zu virtuellen Welten weiter? Hier gibt es Monat für Monat eine Heldinnen-Reise von der Geburt bis zum ersten eigenen Griff zum Controller.

Nicht schon wieder. Dabei machen wir doch den lieben langen Tag alles, damit genau das nicht passiert. Masken in Innenräumen, Tests bevor wir uns verabreden, das volle Schutzprogramm. Und jetzt sind sie wieder da. Rot auf weiß. Zwei Striche. Diese gottverdammte Seuche. 

Christian Neeb

War früher Redakteur beim GEE Magazin, bei der Fernsehsendung Reload und beim Spiegel. Heute wechselt er Windeln, kocht Nudeln mit roter Soße, liest Geschichten vor und schreibt nebenbei als freier Autor.

Letzten Winter haben wir nochmal die Kurve gekriegt, ich hatte mich nach der Infektion isoliert. Der Rest der Familie ist davon gekommen. Jetzt sind wir alle dran. Nacheinander färben sich die Streifen rot, egal, ob wir uns voreinander verstecken, den Kontakt vermeiden – es hilft alles nichts. 

Teresa und mich wirft es um. Ein paar Tage geht nur noch das Nötigste, um die Kinder irgendwie in unserer Quarantänehöhle zu versorgen. Windeln wechseln, anziehen, Spielzeug hinstellen und dann zitternd zurück unter die Decke kriechen. Zum Glück stellen Oma und Opa uns Essen vor die Tür. Wie soll das eigentlich funktionieren, wenn man niemanden hat, der einem helfen kann?

Kranke Welt

Jeder von uns leidet etwas anders an dem Virus, das die halbe Welt lahmgelegt hat und jetzt von findigen Politikern für „beendet“ erklärt wird. Und die Kinder so krank zu sehen, während man selbst kaum helfen und sich kümmern und sorgen kann, ist ein ziemlicher Alptraum. 

Nach und nach erholen wir uns, wachen langsam wieder auf. Bis schließlich nur noch ein Streifen da ist. Denken wir zumindest. An Tag 10 meiner Quarantäne teste ich negativ, zwei Tage später ist der Streifen wieder da – und meine Quarantäne beginnt ärztlich verordnet von neuem. In einem separaten Raum schließe ich mich wieder vor meiner Familie weg. Wer weiß schon, ob das nur die Ausläufer der ersten Infektion sind oder direkt die nächste. 

‚Swoosh‘, die Xbox geht an. Im Bett liegend scrolle ich durch die Neuerscheinungen im GamePass. „A Plague Tale: Requiem“ – hier bin ich richtig. Amicia und ihr kleiner Bruder Hugo leben als französischer Landadel im 14. Jahrhundert ein privilegiertes Leben. Wenn da nur nicht Hugos Krankheit wäre. Seit seiner Geburt leidet er daran – und irgendwie steht sie im Zusammenhang mit der Pest, die das ganze Land heimsucht. 

Kaputtes Spiel

Schwester Amicia ist seine große Beschützerin. Eine Kämpferin, die alles für den zerbrechlichen Kleinen tut. Ihn vor den Rattenschwärmen beschützen, die die Seuche in die Bevölkerung tragen. Und vor den mächtigen Männern, die diese Seuche für ihre eigenen Machtspiele benutzen wollen. 

Während ich mich erneut PCR testen lasse, bricht sich mein einjähriger Sohn zuhause das Bein. Gips für einen Monat. Das mühsam erlernte Laufen ist dahin. Er krabbelt wieder und weint. Und ich muss im Nebenzimmer hocken, um niemanden neu anzustecken. Weltflucht vom verseuchten Jetzt ins verseuchte Mittelalter. 

Die Taschentuchbox neben mir leert sich, die Tasse mit dem Erkältungstee auch. Meine vierjährige Tochter versorgt ihren kleinen Bruder mit Spielzeug und Quatsch machen, wenn Mama gerade nicht mehr kann. Ich steuere eine andere Schwester durch das mittelalterliche Frankreich, die ihren kleinen Bruder versorgt. Obwohl das große Vorbild „The Last of Us“ überdeutlich aus der Inszenierung spricht, hakelt es bei der Mechanik. 

Die Schleichpassagen sind dank unpräziser Steuerung (vielleicht liegt es auch ein wenig an meinem matschigen Gehirn) stellenweise zum Verzweifeln. Spielerisch ist „Plague Tale: Requiem“ oft eine ungehobelte Frechheit. Doch die Geschichte lässt mich nicht los. Wieder und wieder starte ich neu, wenn eine Wache die beiden fliehenden Kinder entdeckt oder sie von einem Schwarm fieser Ratten erwischt werden.

Schwester und Bruder

Vielleicht, weil ich einen Anknüpfungspunkt finden will? Nach welchen Kriterien suche ich mir Spiele mittlerweile aus, jetzt wo die Kinder da sind. Wie sehr projiziere ich eigentlich mittlerweile mein reales Leben auf das digitale – und wieder zurück?

Ich tauche immer tiefer ein in die Welt, die dunkel ist, krank und kaputt. Als ob es nicht schon dunkel genug wäre draußen in der Realität. Als ob da nicht schon genug Krieg und Krankheit und Verzweiflung wäre. Aber da ist auch Schönheit. Sonnenüberflutete Lichtungen, blumenübersäte Wiesen, eine bunte Feder unterm Nest in der Eiche – das Meer, das stark und beständig an den Felsen der Küste bricht. Und diese Wunder lassen die beiden Kinder immer weiter gehen – und mich mit ihnen. Denn es gibt Hoffnung, solange sie beieinander sind. Füreinander einstehen und den Gefahren gemeinsam trotzen, die sich ihnen in den Weg stellen. In Gestalt einer entfesselten Natur. In Gestalt brutaler Machtmänner. 

Was wünsche ich mir für meine eigenen Kinder? Das sie gemeinsam Schönheit und Liebe erfahren. Möglichst ohne Leid. Und wo es sich nicht verhindern lässt, die Gewissheit, dass sie gemeinsam so viel erreichen werden. Mit ihren eigenen Stärken einander helfen, die Schwächen und Verletzungen zu heilen. So wie Amicia und Hugo. Ich höre Quietschen und Lachen aus dem Flur nebenan. Kranke, schöne Welt.

Christian Neeb Freier Autor

CN

War früher Redakteur beim GEE Magazin, bei der Fernsehsendung Reload und beim Spiegel. Heute wechselt er Windeln, kocht Nudeln mit roter Soße, liest Geschichten vor und schreibt nebenbei als freier Autor.

2 Kommentare


Kommentare

  1. Oh Mann, bei Euch ist da ja einiges zusammengekommen. Uns hatte es kurz vor Weihnachten auch komplett mit Corona erwischt, allerdings glücklicherweise nur mit leichten Symptomen, sodass ich nur eine leise Ahnung davon habe, wie schwierig die Situation bei Euch gewesen sein muss.

  2. Die Toniesbox auf dem einen Bild :slight_smile:

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